Krieg und Propaganda gehören untrennbar zusammen. Mit untenstehendem Bild »Unser Einmarsch in Albanien« haben die Österreicher 1916 den Einmarsch ihrer K&K-Truppen in Albanien zu rechtfertigen versucht: Albanien, dargestellt durch eine junge Frau in Tracht, fällt dem österreichischen Soldaten fröhlich in die Arme. Die Italiener ziehen im Hintergrund von dannen. Schön, wenn Krieg immer so friedlich wäre wie hier dargestellt.
Ob der Österreicher wirklich »der Rechte« war, wie die Bildunterschrift behauptet, sei dahingestellt. Wirklich gross war der Widerstand der Albaner gegen die Österreicher nicht. Denn den meisten Albanern dürften diese Besatzer lieber gewesen sein als die serbischen, griechischen, montenegrinischen und italienischen Nachbarn, die alle versuchten, ein Stück Albanien ihren Ländern einzuverleiben. Trotzdem hätten die meisten Albaner damals wohl doch lieber ihre Unabhängigkeit zurück gehabt. Aber das sollte noch ein paar Jahre dauern.
Mir ist zufällig ein Artikel von Cafébabel vom letzten Sommer wieder in die Finger gekommen. Dort steht, dass Deutschland in den letzten 20 Jahren mehr als € 800 Millionen in die Entwicklungszusammenarbeit für Albanien gesteckt hätte. Das sei – pro Kopf im Empfängerland – mehr als für sonst ein Land auf der Welt. Ob das stimmt, weiss ich nicht. Jedenfalls hat Albanien sicherlich viel Entwicklungshilfe erhalten – nicht nur aus Deutschland. Und das Land hat sich auch rasant entwickelt und verändert. Leider nicht immer zum Guten. Das Bruttoinlandprodukt sei jedenfalls von US$ 654 im Jahr 1990 auf über US$ 4000 gestiegen, schreibt Cafébabel. Und während damals praktisch noch jeder in Albanien ums Überleben, ums tägliche Brot und Heizmittel kämpfen musste, gelten heute nur noch rund ein Achtel der Bevölkerung als arm, schreibt die Weltbank. Aber vor allem in den ländlichen Gebieten und in den Bergen ist die Armut noch viel grösser als im Wirtschaftszentrum Tirana.
Tiranas zentraler Platz, der den Namen des Nationalhelden Skanderbeg trägt, müsste den Eindruck erwecken, die Zentrale der Macht in Albanien zu sein: Mitten in Tirana, umgeben von Ministerien und anderen Prunkbauten, im Herzen der albanischen Wirtschaftsmetropole, der Hauptstadt und des kulturellen Zentrums des Landes.
Alles andere als diesen Eindruck erlangte, wer in den letzten Jahren auf dem Skanderbeg-Platz stand oder mit dem Auto darüber fuhr. Während ganz Tirana in neuem Glanz erstrahlte – nicht nur die Hauptstrassen wurden neu asphaltiert, sondern auch Häuser, Parks, Gehsteige und Plätze erhielten ein frisches Gesicht –, nahm die Qualität des Strassenbelags auf dem Skanderbegplatz laufend ab. Die Fahrt über den Platz ist ein grauenhaftes Geholpere und auch sonst strahlt der Platz wenig Pomp aus.
Der Grund für die Stagnation liegt einerseits in Plänen der sozialistischen Stadtverwaltung Tiranas, die Innenstadt von Tirana komplett umzugestalten, andererseits in den politischen Verhältnissen im Land. Denn die Regierung Albaniens von der konkurrierenden Demokratischen Partei möchte sich selber ein Denkmal setzen und verhindert, dass die Stadtverwaltung mit den Bauarbeiten beginnen kann. Edi Rama – Bürgermeister von Tirana und ehemaliger Künstler – plant nicht nur die Erneuerung des Skanderbegplatzs, sondern möchte auch die nähere Umgebung mit diversen schlecht genutzten Flächen miteinbeziehen und dem Platz durch diverse hohe Bauten im Hintergrund mehr Würde verleihen.
Nach langem Zuwarten hat die Stadtverwaltung jetzt mit den Bauarbeiten begonnen (Bilder auf Facebook von Alket Islami). Die Landesregierung hat dagegen sofort Einspruch erhoben und die Stadt Tirana gebüsst: 2 Millionen Lek – rund 20’000 Franken – soll die Stadt bezahlen, weil keine Umweltverträglichkeitsprüfung vorliege.
Die dritte Ausgabe der albanischen Fassung von »Big Brother« hatte Proteste von zahlreichen Einwohnern in Lezha zur Folge. Die Geschichte ist zwar schon drei, vier Wochen alt, aber darf hier nicht fehlen. Leider bin ich nicht früher dazu gekommen, darüber zu berichten.
Bei der aktuell im albanischen Sender »Top Channel« laufenden Staffel von »Big Brother« ist Klodian einer der Teilnehmer. »Klodi« ist 1993 nach Italien ausgewandert und lebt heute in Mailand. Der 35-Jährige stammt ursprünglich aus Lezha, dem regionalen Zentrum zwischen Tirana und Shkodra. Mitte März verlas er in der Fernsehsendung einen Brief an seine Mutter, in dem er erklärte, dass er schwul sei. Klodians Bekenntnis gilt als erstes öffentliches Coming-out Albaniens, wo vor 20 Jahren Homosexualität noch strafbar war.
Noch heute ist Homosexualität in der albanischen Gesellschaft tabu. Schwule und Lesben bekennen sich meist auch gegenüber ihrer eigenen Familie nicht dazu, weil ihnen heftige Diskriminierung droht. Auch ein soeben in Kraft getretenes Antidiskriminierungs-Gesetz und der gescheiterte Versuch von Premierminister Berisha im letzten Herbst, die gleichgeschlechtliche Ehe einzuführen, ändern an der Haltung der Gesellschaft kaum was. Ein schwuler Albaner erklärte gegenüber einer amerikanischen Homosexuellen-Zeitschrift, dass die Abneigung vor allem daraus erwachse, dass die Albaner schlecht informiert seien. Albaner seien allgemein schlecht informiert über Sexualität, meinte er.
Während die gleichgeschlechtliche Ehe am Widerstand religiöser Würdenträger scheiterte, wurde Klodi nach seinem Outing Gegenstand hitziger Diskussionen und in seinem Heimatort Lezha gingen viele protestierend auf die Strasse. Sie distanzierten sich öffentlich von Klodi: Er sei keiner von ihnen, er sei nicht in Lezha schwul geworden, er sei erst nach seiner Geburt zugewandert. Es war den Demonstranten wichtig zu sagen, dass es »im sauberen Lezha« keine Schwulen gäbe. Unterstützung erhielt Klodi hingegen von ausländischen Botschaftern, die sich öffentlich für eine vorurteilsfreie Gesellschaft stark machten.
Klodis Coming-out dürfte viele Albaner überrascht haben, aber vermutlich auch eine erdrutschartige Veränderung in der Wahrnehmung von Homosexualität zur Folge haben. Viele Albaner verstanden trotzdem nicht, dass der schwule Klodi nicht aus dem Big-Brother-Container abgewählt wurde. Letzendlich dürfte der anonyme Albaner aus der amerikanischen Schwulen-Zeitschrift doch recht haben: Nicht nur Homosexualität, sondern auch viele andere Aspekte der Liebe sind in Albanien tabu und unbekannt. Dazu gehören auch grundlegende Aspekte, wie die albanische Sängerin Alida Hisku in ihrer Autobiographie offenbarte. Die im kommunistischen Albanien zuerst gefeierte, später verfolgte Sängerin musste ebenfalls Albanien verlassen, um – als Mutter von zwei Kindern – zu lernen, dass auch Frauen Spass an Sex haben können.
Habe gerade in alten Alben geblättert und dabei eine Seite mit zwei Luftaufnahmen gefunden, die ich im April 1995 aufgenommen hatte.
Das erste Foto zeigt den Strand von Golem – das Südenede der Bucht von Durrës – und Kavaja im Hintergrund. Das zweite ist eine Luftaufnahme von Vora zwischen Tirana und Durrës bevor die Autobahn gebaut worden war (Pläne gab es schon damals).
Ganz ohne Worte kann ich das nicht stehen lassen – ein kurzer Kommentar für all diejenigen, die die Gegend nicht kennen: Das war, bevor der grosse Bauboom angefangen hat.
Einige deutschsprachige Medien berichteten vorgestern, dass in ganz Albanien nach einem Blitzeinschlag in einem Kraftwerk in Vau-Deja der Strom ausgefallen sei (zum Beispiel stern.de: Albanien nach Blitzeinschlag in Finsternis). Diese Meldung ist grundsätzlich in Frage zu stellen. Stromausfall im ganzen Land mag in Italien oder in den USA für Aufregung sorgen, nicht aber in Albanien, wo das schon fast zum Alltag gehört. Die Albaner wissen mit Stromausfällen zu leben und jeder, der erfolgreich ein Geschäft betreibt, hat auch einen Generator zur Hand, den er in solchen Fällen in Betrieb nehmen kann. Finsternis? in Albanien sicherlich nicht.
Gemäss FT Deutschland hat die halbe Stunde Finsternis (oder Stromausfall ohne Finsternis) aber doch einiges bewirkt – der Autor schreibt: »Nur einen Tag später erklärte die störrische Opposition des Landes, sie werde ihren seit Monaten andauernden Boykott des Parlaments aufgeben.« Weiter erhoft sich der Kolumnenschreiber ein ähnliches Ereignis für Deutschland, in der Hoffnung, das sich was verändern könnte: »Ein kurzfristiger Stromausfall könnte hier Wunder wirken.«
Ganzer Artikel: »Von Albanien lernen«
20 Minuten berichtete gestern von Sali Berishas Besuch bei Silvio Berlusconi in Rom. Der albanische Premier versprach den vollen Einsatz seines Landes gegen Schmuggel über die Adria: Er wolle nicht, dass Kriminelle nach Italien gelangten und er wolle auch nicht, dass Albaner im Meer sterben. Daraufhin erwiderte Berlusconi in seiner typischen Manier: »Wir machen gerne für einige hübsche Albanerinnen eine Ausnahme.« Nach dem Pressetermin liess er sich laut Pressebericht mit albanischen Journalistinnen fotografieren und erklärte: »Man weiss ja, dass ich Single bin.«
Mal wieder sei ein Lob von Berlusconi missverstanden worden, meint dazu »Die Welt« – kein Wunder, würden doch seit Jahren italienische Kriminelle junge Albanerinnen in den Westen schleusen und dort zur Prostitution zwingen.
Dank Yankees Blog wurde ich wieder auf das Thema Schildkröten aufmerksam. Suppenschildkröten (Chelonia mydas) und Karettschildkröten (Caretta caretta) kommen entlang der gesamten albanischen Küste vor – vom Butrint-See bis zur montenegrinischen Grenze. Besonders häufig sind die vom Aussterben bedrohten Meeresbewohner im Drin-Golf und dort insbesondere am Strand von Patok. In diesem Gebiet werden sie zur Zeit auch untersucht, gezählt, markiert und erforscht. Drei Tiere wurden mit GPS-Sendern versehen. Ihre Wanderungen können im Internet verfolgt werden.
Über 245 Tiere wurden seit dem Proektstart im Jahr 2008 gefangen und markiert. Aufgrund dieser Nummer schliessen die Wissenschaftler von MEDASSET darauf, dass die Region von Patok ein wichtiges Gebiet für die Karettschildkröten zur Futtersuche ist. Den über einem Meter gross werdenden Tieren scheint es in Albanien zu gefallen.
Das ist eher überraschend. Denn diese Strände sind stark verschmutzt. Der Müll ist dermassen problematisch, dass die Wissenschaftler ihm sogar eine eigene Untersuchung gewidmet haben. Vor allem der Fluss Ishëm, der die Grossstadtregion Tirana entwässert, führt der Bucht stinkendes Abwasser und Plastik zu. Keine besonders schöne Umgebung für die seltenen Meeresbewohner.
Wenigstens werden die Meeresschildkröten nicht auch von den lokalen Fischern geplagt. Diese glauben nämlich, es bringe Unglück, Schildkröten zu töten.
Update 2022: In den zwölf Jahren, seitdem ich obenstehende Zeilen verfasst habe, gab es noch mehr gute Schildkrötennachrichten. In Divjaka in Mittelalbanien sind dieses Jahr Schildkröten geschlüpft. Auch andere albanische Strände werden zur Eiablage genutzt. Mehr dazu in unserem Forum.