NZZ: Kleine Hommage an Tirana

Noch etwas schlaftrunken holte ich heute Morgen die NZZ aus dem Briefkasten. Nicht schlecht staunte ich, als ich ein grosses Bild von Tirana auf der Titelseite entdeckte. Fast eine ganze Seite wird dem Wandel und den Farben der albanischen Hauptstadt gewidmet.

Nicht ganz passend empfinde ich die Bildauswahl auf der Titelseite, wo von vielen Farben, Bäumen und verschwundener Trostlosigkeit die Rede ist. Das eher trostlose Bild passt hingegen eher zur grauen Morgenstimmung beim Briefkasten, wo die letzten Regentropfen von den Bäumen fielen und sich die Sonne einen Weg durch die Wolken zu bahnen versuchte, als zu dieser Bildlegende.

>> Tiranas ungestüme Erneuerung

Neue Zürcher Zeitung vom 6. August 2010

Neue Zürcher Zeitung vom 6. August 2010

Zuerst Asphalt, dann das World Wide Web

Strassen, die die Welt bedeuten ”¦

Heute morgen am Radio diskutierten sie darüber, wie die Welt in zehn Jahren aussehen könnte. Ich habe mir da überlegt, wie die Welt vor zehn Jahren ausgesehen hat – wie Albanien vor zehn Jahren ausgesehen hat – wie Albanien in zehn Jahren aussehen könnte. Mein Bild von der albanischen Zukunft möchte ich euch ersparen. Aber bei diesen Gedankenspielen ist mir aufgefallen, dass sich auch aktuell in Albanien einiges ändert.

Strassen, die die Welt bedeuten – die neu asphaltierten Strassen führen in Albanien zu tiefgreifenden Veränderungen. Zwar dauert es meist einige Jahre länger als versprochen, bis die zuvor erbärmlichen Feldwege, die bis anhin die einzige Verbindung mit dem Rest der Welt darstellten, nach und nach asphaltiert werden. Wenn es dann aber so weit ist und neue ländliche Gebiete plötzlich erreichbar sind, verändert sich das Leben dort rasch. Es werden neue Häuser gebaut, es entstehen neue Geschäfte und es gibt neues Leben.

Schön beobachten konnte ich das in den letzten Jahren in den Albanischen Alpen. Als ich dort vor ein paar Jahren zum ersten Mal unterwegs war, war Reisen eine mühsame Sache. Zwar kam ab und zu ein Bus vorbei, aber man reduzierte die Fahrten auf das notwendige Minimum. Entsprechend dürftig war zum Beispiel auch das Warenangebot.
Seitdem aber mehr und mehr Kilometer Strasse asphaltiert sind, verändert sich  auch das Dorfleben in den Bergen rasant. Nicht nur ist die Aussenwelt schneller erreichbar und man fährt mal schnell irgendwo hin. Nein, auch die Aussenwelt kommt einfacher in die Berge: Touristen sind unterwegs, aber auch Albaner auf Ausflügen. Überall wird gebaut, das Angebot in den Kneipen, die meist auch als Kleinstladen dienen, steigt. Und viele Waren werden auf den immer häufigeren Reisen aus der Stadt mitgebracht.

Noch vor vier Jahren gab es in den Bergen kaum Mobiltelefone. Es gab keinen Empfang – zumindest nicht ohne weitere technische Hilfsmittel. Zwischenzeitlich wurden neue Antennen errichtet und auch das Festnetz erreicht allmählich die Berge. Und so kam es, dass ich vor ein paar Wochen die ersten Bekannten aus den Bergen auf Facebook traf. Nein, nicht solche, die in Shkodra in einem Internetcafé sitzen. Jetzt gibt es tatsächlich auch Internet in den abgelegenen Bergdörfern.

Bald wird also auch das ländliche Albanien teil der virtuellen Welt sein – das World Wide Web wird dann auch in den albanischen Bergne zum Alltag gehören.

Die Strassen haben aber auch ihre ganz handfesten Nachteile: Der frische Asphalt verleitet zu schnellem Fahren, was so manchen zusätzlichen Unfall zur Folge hatte. Und den Holzfällern wird das illegale Zerstören der Bergwäldern noch einfacher gemacht.

Wappenkunde mangelhaft

Irgendwann in diesem Frühling fuhren wir vom Flughafen ins Zentrum von Tirana. Mit im Auto eine gute Freundin aus der Schweiz auf ihrem ersten Besuch in Albanien. Plötzlich schauten wir alle ganz verdattert auf das Auto vor uns. Nicht das Schweizer Nummernschild erregte unsere Aufmerksamkeit, sondern ein paar kleine Details darauf, die irgendwie nicht ganz passten.

Gefälschtes Schweizer Autokennzeichen in Tirana

Tirana, rruga Durrësit: gefälschtes Schweizer Autokennzeichen

Viele Fahrzeuge in Albanien verkehren noch lange nach dem Import mit ausländischen Nummernschildern. Die unstimmige Kombination von Buchstaben und Wappen bei diesem Wagen fällt natürlich jedem Schweizer sogleich auf.

Dass in Albanien Autos mit gefälschten Schweizer Autokennzeichen herumkurven, hat jetzt auch die grösste Schweizer Tageszeitung »20 Minuten« zum Thema gemacht: Nummernschilder made in Albania. Dass die Zeitung die Geschichte gestern als Titelstory brachte, hört sich aber nach schlimmen Sommerloch an.

Die Erklärung für die falschen Autoschilder liegt natürlich weniger in der Beliebtheit der Schweiz in Albanien, wie das mein Kollege Rolf Alther gegenüber der Zeitung erklärte. Vielmehr versuchen wohl die Besitzer dieser Wagen, in Albanien Steuern und Zölle zu sparen. Gefälscht sind vermutlich auch die dazugehörigen »Wagenpapiere«. Vielleicht sind Schweizer Papiere besonders gut zu fälschen oder bei den albanischen Polizisten einfach sehr unbekannt.

Jedenfalls scheint es in letzter Zeit eine Häufung dieser gefälschten Zeichen zu geben. Früher berichtete niemand von gefälschten Schweizer Autokennzeichen. Abgesehen davon, dass die Schrift nicht ganz mit dem Original übereinstimmt, hier noch eine Übersicht der richtigen Kantonswappen und Kürzeln für alle Fälscher und nach Fälschung suchenden Polizisten in Albanien: Schweizer Autokennzeichen

Gefälschtes Schweizer Autokennzeichen in Tirana

Tirana, rruga Durrësit: gefälschtes Schweizer Autokennzeichen

Wie baue ich eine Pipeline?

Pipelines sind zur Zeit in in Europa. In der Ostsee wird eine gebaut und auch durch die Adria soll eine Gasleitung führen, die Erdgas aus der Region vom Kaspischen Meer nach Italien bringen soll. »TAP« heisst dieses Projekt, das in Südalbanien geplant wird: Trans-Adriatic-Pipeline. »AMBO«-Pipieline (»Albania-Macedonia-Bulgaria-Oil«) ist der Name des zweiten Projekts, das Erdöl vom Schwarzen Meer nach Vlora pumpen soll.

Wie man so eine Pipeline baut? Natürlich habe ich keine Ahnung. Aber nette Eindrücke von diesem Gewerbe gewinnt man, wen man die unten aufgeführten Bilder von der Website von »TAP« anschaut. Feldstecher scheinen wichtig zu sein auf den vielen Ausflügen durch die Landschaft, Karten noch mehr. Man braucht ein paar freundlich dreinschauende junge Westeuropäer mit Notizbüchern und ein paar reifere Amerikaner. Hände schütteln und lächeln scheint auch wichtig zu sein. Nicht vergessen: Rücksicht nehmen auf die Natur. Nur auf einem Bild scheint noch etwas Konfusion zu herrschen: fünf Leute in Besprechung, die aber alle in verschiedene Richtungen schauen. Immerhin spricht man den Albanern noch Kompetenz zu, wenn es um die lokale Fauna und Flora geht – ansonsten sind aber nur Ausländer als Fachpersonen gefragt.

Albanisch? S’ka problem!

Blog eines Österreichers, der sich aufmacht, Albanisch zu lernen:
>> albanisches.blogspot.com

Sauberes Albanien

Kaum jemand bezeichnet Albanien als sauberes Land. Zu störend ist der allgegenwärtige Anblick von Müll in der Landschaft und der beisende Geschmack von Abgasen in der Nase.

Ganz anders sehen dies Wissenschaftler der amerikanischen Yale Universität. Im »2010 Environmental Performance Index« setzen sie Albanien auf Platz 23 von 163 Ländern weltweit, knapp hinter Italien (18), Portugal (19), Japan (20) und Tschechien (22), knapp vor Spanien (25), Singapur (28) und Serbien (29). Angeführt wird das Ranking von Island, auf das die Schweiz und Costa Rica folgen. Die skandinavischen Länder sowie Frankreich (7), Österreich (8) und Deutschland (17) schneiden ebenfalls gut ab, während zum Beispiel die Niederlande (47), die USA (61), Griechenland (71), Mazedonien (73) und Belgien (88) auch viele Minuspunkte einfuhren. Die letzten sechs Plätze der Liste werden von afrikanischen Ländern eingenommen.

Wie kann das sein, dass Albanien so positiv gewertet wird und das sauberste Land Osteuropas ist? Zumindest wird die Luftverschmutzung (respektive deren Auswirkungen auf die Menschen) als sehr negativ eingeschätzt.

Totz allem Müll in der Landschaft beurteilen die Autoren das Ökostystem Albaniens als sehr gesund. So sind zum Beispiel die CO2-Emissionen sehr gering und die Biodiversität sehr hoch. Auch die Wasserqualität wird generell als gut eingestuft, auch wenn die Wasserversorgung noch mangelhaft ist.

Tatsächlich bietet Albanien noch viele Gebiete, die noch fast unberührt sind von menschlichen Einflüssen – ein Faktor, der wohl auch Russland zu dem verhältnismässig guten Platz 69 verholfen hat. Das Fehlen grösserer industrieller Tätigkeiten ist für die Sauberkeit in dieser Untersuchung sicherlich auch positiv. Trotz allem hinterlässt die Auswertung ein schales Gefühl. Irgendwie passt sie nicht ganz zum Bild, das man sich von Albanien macht. Vielleicht werden die untersuchten Kriterien der albanischen Wirklichkeit doch nicht ganz gerecht. Und schon gar nicht darf das Gefühl entstehen, dass hier alles in Ordnung sei. Es gäbe noch viel zu tun, angefangen damit, bei den Albanern ein Umweltbewusstsein zu schaffen.

>> 2010 Environmental Performance Index

Badische Zeitung: Keine Musterdemokratie

Kommentar in der »Badischen Zeitung«Â zur albanischen Politik:
>> Albanien ist alles andere als eine Musterdemokratie
(veröffentlicht am 5. Mai 2010 auf badische-zeitung.de)

Luxus macht sich breit

Geld auszugeben ist selten ein Problem. Etwas anspruchsvoller stellt man sich dies vielleicht in Albanien vor. Schwer getäuscht! Dass es in Albanien viele Reiche gibt, wurde ja immer schon vermutet – allein schon wegen der Dichte von Luxuskarossen. Woher das Geld kommt, will man oft lieber nicht wissen. Wo es landen soll, wird jetzt immer klarer.

Zahlreiche neue Einkaufstempel in und um Tirana mit Läden internationaler Marken und kleine Boutiquen, die Armani-Pullover für € 200 verkaufen, lassen den Kapitalismus hochleben: Für Geld ist alles zu kriegen. Früher beschränkte sich das Luxussegment auf ein paar wenige Hotels, die Zimmer zu europäischen Standardpreisen boten und mit überteuerten Läden und Restaurants ihre Gäste in eine fremde Welt entführten. Mittlerweile macht sich diese fremde Welt in Albanien langsam breit.

Und nicht nur für italienische Mode wird Geld ausgegeben. Auch andere Industrien steuern gezielt die Reichen Albaniens an. »Lufthansa City Center« möchte seine Dienstleistungen im Luxus-Segment ausbauen, wie das Reisebüro der Lufthanasa letzthin bekannt gab. Als einer von vier ausländischen, über den ganzen Globus verstreuten Standorten, wo LCC dies umzustzen plant, wurde Tirana genannt.

Ob diese Rechnung aufgehen wird, wird sich zeigen müssen. Denn auch Albanien leidet unter der Wirtschaftskrise. Die Gastarbeiter im Ausland senden viel weniger Geld in die Heimat. Abgesehen von den angesagtesten, hipsten Lokalitäten bleibt denn auch vieles bedenklich leer. Das Luxusrestaurant im 21. Stockwerk wird nur von ein paar herumstehenden Kellnern bevölkert. Die Verkäuferinnen in den Boutiquen telefonieren vor Langeweile oder spielen Karten am Computer. Und bei der grossen Mall weit draussen vor der Stadt ist vor allem die Auswahl an freien Parkplätzen grenzenlos.

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