Albaniens holpriger Weg aus der Coronakrise

Seit dem 1. Juni sind die Corona-Verbote in Albanien mehrheitlich aufgehoben. Das Land ist aber deutlich besser durch die Coronazeit gekommen, als aus der Krise raus. In den letzten Wochen werden neue Fallzahlen wie zu Hochzeiten im März und April vermeldet.

Nach den ersten COVID-19-Erkrankungen am 9. März hat Albanien schnell reagiert. Das öffentliche Leben wurde heruntergefahren, das Land stillgelegt, zuerst in Tirana und Durrës, dann auch in den übrigen Regionen. Es wurden strenge Lockdown-Massnahmen durchgesetzt – viele Albaner konnten wochenlang kaum das Haus verlassen.

Corona-Ausbreitung in Grenzen gehalten

Die Albaner haben sich einigermassen an die Verbote gehalten. Man hatte die schlimmen Bilder aus Italien vor Augen und weiss, wie schlecht es um das albanische Gesundheittssystem steht. Starke Polizeipräsenz und sogar der Einsatz von Militär taten das Übrige dazu.

So konnte die Ausbreitung des Coronavirus im internationalen Vergleich gut in Grenzen gehalten werden. Bis heute hat Albanien nur knapp über 1200 Fälle zu verzeichnen (eine Inzidenz, die weit unter derjenigen in westeuropäischen Ländern liegt). Erfreulich ist auch die geringe Zahl von Todesopfern: Bis heute sind nur 33 Personen am COVID-19-Virus in Albanien verstorben.

Dank der strengen Ausgangssperren verzeichneten einige Bereiche im Land – der ganze Süden und einige Bergregionen – bis heute keinen einzigen Corona-Fall. In diesen »grünen Zonen« wurden die Massnahmen schon früher gelockert.

Voreilig aus der Krise?

Wie andere Länder strebte auch Albanien Ende Mai einen raschen Ausstieg aus dem Lockdown an. Die strikten Verbote und Massnahmen hatten einen starken Einfluss auf die schon schwache Wirtschaft des Landes. Natürlich hat dies auch für viele Albaner schlimme ökonomische Folgen – gereade für die Ärmsten, die oft nicht in reguläre Arbeitsprozesse integriert sind.

Mitte Mai sah es auch so aus, als hätte Albanien die Pandemie hinter sich. Es gab nur noch wenige Neuinfektionen.

Aber seitdem das Ende in Sicht zu sein scheint, schnellen die Ansteckungszahlen wieder in die Höhe. Seit zwei Wochen nehmen die Zahlen der Coronakranken täglich wieder zu. Einzelne Fälle werden in Regionen verzeichnet, die schon länger wieder Corona-frei waren oder noch gar keine Fälle verzeichnet hatten. In Tirana fallen ein Viertel der positiven COVID-19-Tests auf die letzten zehn Tage. Viele Neuinfiszierte arbeiten im Gesundheitswesen.

Die Fälle sind noch immer überschaubar. Aber die Entwicklung geht seit zwei Wochen in die falsche Richtung.

Corona-Müdigkeit und schwindendes Vertrauen in die Regierung

Polizei im Zentrum Tiranas während des Abbruchs des Nationaltheaters
Polizei im Zentrum Tiranas während des Abbruchs des Nationaltheaters

Lange sah es aus, als hätte die albanische Regierung im Kampf gegen Corona vieles richtig gemacht. Kontaktverbote und Distanzregeln sind in der albanischen Gesellschaft noch viel untypischer und unhöflicher als anderswo, die Raumverhältnisse sind oft sehr beengt. Unter diesen Umständen waren strikte Quarantänemassnahmen zu vertreten. Die albanischen Krankenhäuser hätten einen Ansturm an Kranken nicht bewältigen können (zwischenzeitlich sieht es auch in diesem Bereich schon deutlich besser aus).

Seitdem das Ende in Sicht zu sein scheint, haben viele jegliche Vorsicht in den Wind geschlagen. Der Verdruss der Bevölkerung nach dem wochenlangen Eingesperttsein ist verständlich. Aber vermutlich gibt es noch andere Gründe für die Neuansteckungen.

Denn im Mai hat die Regierung auch viel Goodwill verspielt. Viele Albaner sahen sich je länger je mehr als ferngesteuerte Marionetten ihres Ministerpräsidenten, der via Facebook aus seiner Villa über Tirana verlautbarte, wer sich wann bewegen darf. Zudem begann die Regierung, sich vermehrt um alltägliche Politikgeschäfte zu kümmern. Die Gunst der Ausgangssperre nutzend, wurde in Tirana in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das Nationaltheater abgerissen.

Die Signale an die Bevölkerung waren deutlich: Wenn sich die Mächtigen wieder um ihre Geschäfte und Profite kümmern, weshalb soll sich dann die Bevölkerung noch wie in einer Ausnahmesituation verhalten?

Der wachsenden Kritik entgegenete Edi Rama mit Zückerchen: Verbote wurden gelockert, das Ende von Ausgangssperren, geschlossenen Cafés und geschlossenen Grenzen wurde angekündigt. Sehr vieles ist heute in Albanien wieder erlaubt und offen. Vielleicht war die Lockerung zumindet in Tirana etwas voreilig.

Grenzen halb geöffnet

Seit anfangs Woche lässt Albanien wieder Ausländer einreisen. Niemand muss mehr in die vierzehntägige Quarantäne. Der Grenzverkehr ist aber nach wie vor bescheiden: Der Fähr- und Flugverkehr für Privatpersonen ist immer noch eingestellt. In Kosova herrscht nach wie vor ein striktes Einreiseregime (Quarantäne, falls kein negativer Corona-Test vorgelegt werrden kann), Nordmazedonien verhängt nach stark gestiegenen Fallzahlen wieder Ausgangssperren und Griechenland hält seine Grenze auch noch geschlossen.

Nur über Montenegro ist aktuell theoretisch auch für Westeuropäer wieder eine Einreise nach Albanien möglich. Österreich, Kroatien und Montenegro lassen wie Albanien Touristen wieder ein- respektive durchreisen. Der Weg ist aber weit, an gewissen Bedingungen und Auflagen gebunden und der Rückweg kann jederzeit wieder unterbrochen werden.

Corona ist nicht vorbei

Auch wenn sich alle nach Normalität sehnen. Der Virus ist noch nicht besiegt. Es ist zu hoffen, dass die offenen Grenzen nicht wieder die Krankheit in ganz Europa verstreuen. Es ist zu hoffen, dass die einzelnen Virenherde in Albanien sich schnell eindämmen lassen.

Alltag und Normalität bedeuten für Mittelmeerländer auch Tourismus. Der Weg muss gegangen werden. Aber auch deutliche Signale, dass nicht alles ist wie früher, sind wichtig.

(Lars Haefner)

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