Ramas Kampf gegen Theater und Viren

Proteste in Tirana, nachdem die albanisch Regierung in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das Nationaltheater abreissen liess.

Theater und Viren haben eigentlich nicht viel gemeinsam. Anders in Albanien, wo das eine der Machtpolitik des Ministerpräsidenten dient, um das andere aus der Welt zu schaffen.

Widerstand gegen Bauprojekt

Abgerissen: Nationaltheater in Tirana – linker Flügel

Schon lange plante die albanische Regierung, das Nationaltheater im Herzen Tiranas abzureissen und durch einen Neubau zu ersetzen. Für Ministerpräsident und Künstler Edi Rama stellt dies Fortschritt dar. Ein neues Theater sollte von privaten Investoren gebaut werden, die dafür das attraktive Grundstück an zentraler Lage auch anderweitig nutzen können.

Andere sahen darin die Zerstörung eines wertvollen Kulturgutes. Der Bau aus den Jahren 1938/39 war ein wichtiger Zeuge der italienischen Architektur der Ära. Im Gegensatz zu den neoklassizistischen Gebäude der Umgebung wurde hier erstmals modern gebaut. Im Theater – auch wenn in der zweiten Reihe stehend – sahen sie auch einen wichtigen Bestandteil des gestalterischen Gesamtkonzepts der Innentadt von Tirana.

Das Bauprojekt von Rama ist aber auch Symbol für die Entwicklung in Tirana, wo laufend historische Häuser Neubauten weichen müssen. Oft profitieren dabei korrupte Beamte, oder Politiker erweisen Freunden und Unterstützern Gefälligkeiten.

In diesem Fall war der Widerstand aber heftiger. Es hatte sich eine breite Front aus Kunstschaffenden, Kunsthistorikern und oppositionellen Politikern gebildet, die sich dem Abriss widersetzten und internationale Unterstützer hatten. Proteste fanden vor dem Theater statt, und drinnen besetzten weitere Personen das Gebäude.

Abriss mittten in der Nacht – Proteste am Tag

Nationaltheater Tirana Zeichnung ©Jora Kasapi
Nach dem Abriss bleiben vom Nationaltheater nur noch Trümmer, Fotos und Zeichnungen (Zeichnung: Jora Kasapi)

Mitten in der Nacht auf heute Sonntag rückten die Bagger an und rissen das Theater ab. Die Regierung nutzte für ihre Aktion die Ausgangssperre wegen des Coronavirus, der seit Wochen das Leben in Albanien lahmlegt.

Um die Verantwortung von sich zu schieben, hatte Edi Ramas Regierung vor Kurzem das »nationale« Theater an die Stadt Tirana übertragen. Diese hatte in einer Videokonferenz, für die das Bauprojekt nicht traktandiert war, den Abriss beschlossen – der in die Jahre gekommene Bau sei nicht mehr zu retten. Unter fester Strapazierung demokratischer Spielregeln wurden Fakten geschaffen, die nicht rückgängig gemacht werden können.

Was neben den Gebäuden in dieser Nacht sonst noch zerstört worden ist, ist unklar. Unter den Trümmern begraben sind wohl auch Jahrzehnte albanischer Theatergeschichte: Kulissen, Kostüme, Dokumente und andere historische Objkete. Die Abrissarbeiten hatten begonnen, unmittelbar nachdem in der Nacht die Polizei das Gebäude gestürm und die zum Schutz im Theater verbliebenen Personen abgeführt hatte.

Auf Tiranas Strassen kam es heute Mittag zu Protesten. Kunstschaffende und Oppositionelle machten ihrem Wut auf die Regierung Luft. Die Polizei ging vehement gegen die Demonstranten vor.

Der albanische Präsident Ilir Meta beurteilte den Abriss als widerrechtlich.

Entsetzen im Ausland

Im Südflügel des Nationaltheaters befand sich eine Experimentalbühne.

Die Vertreter der Europäischen Union in Albanien kritisierten ebenfalls scharf, dass unwiderrufliche Fakten geschaffen wurden, ohne dass die Regierung den Dialog mit der Zivilgesellschaft gesucht hätte.

Die europäische Denkmalschutzorganisation »Europa Nostra« hatte sich ebenfalls stark für den Erhalt des Theaters eingesetzt.

Im Nationaltheater in Prishtina wurden alle geplanten Aufführungen abgesagt: Die Kosovaren erklärten sich solidarisch mit den Kollegen in Tirana.

Ramas Machtpolitik in Krisenzeiten

Während in der Innenstadt die Demonastranten wüteten, beruhigte Rama das Volk – wie immer über seinen Facebook-Account – mit neuen Lockerungen bei den Corona-Massnahmen.

Albanien hatte während der letzten Monate sehr strikte Verbote zur Eindämmung des Virus erlassen. Dadurch konnte verhindert werden, dass Albanien ähnlich stark vom Coronavirus getroffen wird wie Italien und andere Länder in Westeuropa. Wegen seines sehr schlechten Gesundheitssystems hätte der Balkanstaat eine grosse Welle von Kranken nicht in den Griff kriegen können. Zum Glück blieb es bis heute bei knapp 950 Infiszierten und nur 31 Toten bis heute.

Dieses positive Bild wird aber getrübt: Denn einerseits ist nicht klar, ob die von Rama jeweils über Facebook kommunizierten Massnahmen auch eine ausreichende gesetzliche Grundlage haben. Andererseits scheinen Rama und seine Parteigefährten nicht nur im Falle des Nationaltheaters die Sitution zu ihren Gunsten genutzt zu haben.

So sind in den letzten Tagen nicht nur zwei weitere historische Gebäude abgerissen worden. Auch der Fernsehsender Ora News – eine der wenigen verbliebenen regierungskritischen Kanäle – wurde geschlossen, weil anscheinend die Corona-Sicherheitsbestimmungen nicht eingehalten worden sind. Auch eine kritische Website wurden blockiert, weil sie Urheberrecht, das noch nie in Albanien durchgesetzt worden ist, verletzt hätten. Politische Proteste wurden natürlich ebenfalls rabiat aufgelöst – es durfte ja kaum jemand das Haus verlassen.

Der Virus scheint immer öfters zum Vorwand genommen zu werden, um nicht nur gesundheitspolitische, sondern auch machtpolitische Interessen durchzusetzen.

(nlA)

Stellungnahme des deutschen Botschafters

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