Heute vor 100 Jahren: Ausbruch des Balkankriegs

Als am 8. Oktober 1912 Montenegro dem Osmanischen Reich den Krieg erklärte, war dies auch ein schicksalhafter Tag für die Nation der Albaner. Damals lebten die Albaner mehrheitlich noch in einem Staat vereint – nur in Montenegro und im Süden waren bereits albanisch besiedelte Gebiete separiert. Die Türken waren vielen Albanern zwar verhasste Herrscher, aber boten ihnen doch eine Art Heimat. Obwohl die Albaner immwer wieder für Autonomie, weniger Steuern und mehr Rechte wie Schulbildung in albanischer Sprache kämpften und albanische Aufstände schon fast zur Tagesordnung gehörten, war ihnen die Forderungen der Nachbarländer auf  Teile des Osmanischen Reichs die grössere Bedrohung.

Innerhalb des Osmanischen Reichs waren die Albaner vereint und hatten dadurch eine nicht zu unterschätzende Machtstellung: Sie waren im Türkenstaat gut integriert und besetzten viele wichtige Rollen. Und vor allem war die muslimische Mehrheit unter den Albanern in ihrer Religion unbedroht. Gegen eine Abtretung albanisch bewohnter Gebiete an christliche Staaten kämpften die in der »Liga von Prizren« vereinigten Albaner schon seit 1878 – nicht immer erfolgreich. Einen eigenen Staat konnten sich aber auch 30 Jahre später nur die wenigsten Albaner vorstellen.

Am 9. Oktober 1912 traten auch Serbien, Bulgarien und Griechenland gegen die Osmanen in den Krieg ein. Albanische Aufständische, die zuvor noch regelmässig gegen die Türken kämpften, mussten jetzt mit diesen gegen die einfallenden fremden Armeen antreten – ohne Erfolg. Montenegro, Serbien und Griechenland wollten Albanien unter sich aufteilen und machten schnell Boden gut: In weniger als zwei Monaten beherrschten sie fast ganz Albanien, nur ein kleines Gebiet rund um Vlora wurde noch von albanischen Verbänden kontrolliert.

Als sich abzeichnete, dass die Türken sich geschlagen geben mussten, ergriffen diverse Vertreter der albanischen Nationalbewegung die Offensive und riefen in Vlora am 28. November 1912 einen unabhängigen Staat aus. Es war wohl grosses Glück, dass dieser Staat nicht nur seine ersten Monate überlebte, sondern auch die Jungendphase mit landesunkundigem deutschen Fürsten, Erstem Weltkrieg und den vielen Turbulenzen danach überstand. Sogar nach dem Zweiten Weltkrieg drohte noch die Eingliederung durch die Jugoslawen – wohlmöglich ein Auslöser für die später immer stärker werdende Isolationspolitik von Hoxha. 

Als der Erste Balkankrieg im Mai 1913 ein Ende fand, anerkannten die Grossmächte Albanien als eigenen Staat an. Dieser Erfolg war kaum albanischer Kriegsführung oder albanischer Diplomatie zu verdanken, sondern vor allem den Österreichern, die ein zu mächtiges – also grosses – Serbien mit direktem Zugang zur Adria verhindern wollten. Unterstützer fand Wien in den Italienern, die damals wohl schon etwas machthungrig über die Adria gierten, und in der indifferenten Haltung der Deutschen und Briten. Der albanische Staat war also beschlossene Sache, nur die Grenzen waren noch zu klären. Grosse Siedlungsgebiete der Albaner gingen damals an die Nachbarstaaten, die dank Russland und Frankreich ihre Interessen sehr weit durchsetzen konnten. Nur etwa die Hälfte der Albaner waren im neuen Staat vereint.

Als Folge des Balkankriegs verliessen Hundertausende Muslime Europa und flüchteten in die Türkei. Darunter waren auch viele Albaner, die von den Slawen aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Nur gerechte Lösungen gibt es wohl nicht, wenn durch ein multiethnisches Gebiet plötzlich Grenzen gezogen werden müssen. Die vereinbarte Lösung war aber deutlich zu Ungunsten der Albaner und bereitete auch der Weltpolitik immer wieder Sorgen – bis heute. Zwar ist Kosova nach den Kriegen der 1990er Jahre heute ein eigener Staat, in dem nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung unterdrückt wird. Aber noch immer gibt es zahlreiche ungelöste Probleme mit den Serben, was eine internationale vollständige Akzeptanz verhindert. Und eine Vereinigung Kosovas mit Albanien oder weitergehende grossalbanische Forderungen sind noch immer nicht ganz vom Tisch.

Der Balkankrieg vor 100 Jahren hatte also nicht nur die Gründung des albanischen Staats zur Folge, sondern löste andererseits auch viel Not insbesondere unter der muslimischen und albanischen Bevölkerung des Balkans aus. Die Folgen sind noch heute nicht wirklich verdaut, auch wenn das grösste Ungemach endlich vorüber zu sein scheint.

>> Deutschlandfunk zum Jahrestag: »Ganze albanische Dörfer hatten sich in Feuersäulen verwandelt«

»Irgendwie war alles so, wie es eigentlich sein müsste«

Der Steilpass-Fussball-Blog des Tages-Anzeiger über den Fussballmatch am letzten Dienstag – wahre Worte wie »Denn was weder TV-Zuschauer noch die Medientribüne mitbekommen haben, waren die Vorgänge in den gemischten Sektoren, die durchaus Züge eines schweizerisch-albanischen Fest zur Völkerverständigung hatten.«

>> Schweizerisch-albanisches Volksfest auf den Rängen

Albanische Fussballfans

Albanische Fussballfans am Spiel Schweiz-Albanien

Albanische Fussballer in der Nati

Nach all den Kontroversen um Shaqiri, Behrami, Xhaka & Co: So dürfte es wohl bei den Fussballspielern mit albanischer Herkunft in der Schweizer Nationalmannschaft aussehen. 😉

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Schweiz – Albanien

Welches Hütchen nehmen wir denn morgen?

Schweiz? Albanien?

 

Noch mehr Bunker-Kunst

Bunker als Kunst oder als Projektionsfläche für Kunst scheinen immer mehr Aufwind zu erhalten. Hier noch ein Artikel eines Deutschen Sprayers über seine Aktivitäten in Albanien:

>> Urlaubsgrüße aus der Sprühdose: Orange in Albanien

Besprayte Bunker

(Foto: Orange)

Die Bunker von Riehen

Bunker ist man sich ja sowohl in der Schweiz als auch in Albanien an jeder Ecke gewohnt. Dass Bunker aber einen Ausstellungsraum erobern, ist in beiden Ländern wohl selten. Albanische Bunker zum Thema einer Ausstellung zu machen, ist ein gewagter Schritt – die Aktion hat sich aber gelohnt: Der »Kunst Raum Riehen« bei Basel bringt dem Schweizer Publikum nicht nur albanischen Beton in Pilzform näher, sondern bietet auch sonst spannende Einblicke in das hier noch vielen sehr unbekannte Land.

Concrete In Common – Ausstellung Riehen

Concrete In Common – Ausstellung »Kunst Raum Riehen«: Eingang

Natürlich finden sich Bunker in allen Formen: klein und gross – an der Wand als Fotos, nachgeformt und auf dem Bildschirm. Die vom aus Albanien stammenden Basler Niku Alex Mucaj und dem »Bunkerexperten« Elian Stefa zusammengestellte Ausstellung zeigt aber auch noch andere interessante Aspekte: Bei der Vernissage gab es eine Liveschaltung von der »Bunkerbühne« »Tirana Ekspres« in der albanischen Hauptstadt. Und mittels eines liebevoll nachgestellten Wohnzimmers mit lauter Möbeln, Büchern und Artefakten aus kommunistischer Zeit werden die Besucher zurückversetzt ins Albanien der sozialistischen Zeit.

Die Ausstellung dauert bis zum 7. September.
>> Kunst Raum Riehen

Wer noch weiter in die Welt der Bunker eintauchen möchte, kann das soeben von Stefa zusammen mit Gyler Mydyti publizierte Buch »Concrete Mushrooms« (demnächst erhältlich) erwerben. Siehe auch die Concrete-Mushrooms-Facebook-Seite.

Müllcontainer

Tirana Dumpsters ist ein Blog, der Bilder von Müllcontainern in Tirana zeigt. Der Blog soll wohl mit kontrastreichen Fotos provozieren, die die Gegensätze zwischen Ordnung und Chaos, Reichtum und Armut, Entwicklung und Stagnation zeigen. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es noch nicht lange her ist, dass Tirana nicht über eine eingermassen funktionierende Müllentsorgung verfügte. Auch wenn der Anblick nicht immer super toll ist: Auch Müllcontainer können Fortschritt sein.

Limonadenverkäufer

Solche Verkäufer gibt es heute leider nicht mehr.

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Postkarte von 1939

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