{"id":918,"date":"2012-11-28T20:38:18","date_gmt":"2012-11-28T19:38:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.albanien.ch\/une\/?p=918"},"modified":"2012-11-29T11:13:24","modified_gmt":"2012-11-29T10:13:24","slug":"100-jahre-unabhangigkeit-das-muss-gefeiert-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/blog\/918","title":{"rendered":"100 Jahre Unabh\u00e4ngigkeit &#8211; keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit"},"content":{"rendered":"<p>Albanien feiert 100 Jahre Unabh\u00e4ngigkeit \u2013 die Festlichkeiten sind ausgelassen, das Land versinkt in Rot-Schwarz und alles, das irgendeinen Kontext zu den Albanern hat, wird patriotisch hochgejubelt. Etwas weniger euphorisch sind die Kommentare ausl\u00e4ndischer Beobachter und Journalisten, die feststellen, dass nicht alles gl\u00e4nzt, das mit dem albanischen Staat zu tun hat: Nicht nur die schwierige Geschichte werden erw\u00e4hnt, sondern auch auf die aktuellen politischen Missst\u00e4nde, wirtschaftliche Probleme, fehlende Aufarbeitung der Geschichte und grassierende Korruption wird hingewiesen.<\/p>\n<p>Klar haben sie nicht Unrecht: Die letzten 100 Jahre albanische Geschichte waren vor allem ein Leidensweg, und die aktuellen Verh\u00e4ltnisse in beiden albanischen Staaten, in der Republik Albanien wie auch in der Republik Kosova, bergen viel Kritikpotenzial. Trotzdem ist das heutige Jubil\u00e4um wohl ein Tag, an dem man durchaus mit Stolz feiern kann. Denn der Weg war wie erw\u00e4hnt nicht einfach, und es geh\u00f6rt viel Gl\u00fcck dazu, dass die Albaner heute trotz grosser Verluste \u00fcberhaupt feiern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Als Ismail Qemali Bey Vlora am 28. Dezember 1912 mit ein paar Dutzend Verb\u00fcndeten aus dem ganzen albanischen Siedlungsgebiet in Vlora einen unabh\u00e4ngigen Staat ausrief, war das eine aus der Not geborene Idee. Bis auf ein kleines Gebiet rund um Vlora war ganz Albanien von ausl\u00e4ndischen Truppen besetzt und das Osmanische Reich, zudem man sich zugeh\u00f6rig f\u00fchlte \u2013 auch wenn immer wieder mehr Autonomie f\u00fcr die Albaner gefordert wurde \u2013 war am Auseinanderfallen. Die albanische Zukunft bot pl\u00f6tzlich nur noch zwei Optionen: Minderheit werden in den Nachbarstaaten Griechenland, Serbien, Bulgarien und Montengro oder einen eigenen Staat gr\u00fcnden. Bis anhin hatten nur sehr wenige revolution\u00e4re Geister unter den Albanern \u00fcberhaupt mit diesem Gedanken gespielt, aber jetzt war es die letzte Option.<\/p>\n<p>Eigentlich war auch die Ausrufung der Unabh\u00e4ngigkeit eine aussichtslose Mission. Denn einerseits waren die Nachbarv\u00f6lker bereit, sich mit Waffengewalt m\u00f6glichst viel albanisches Siedlungsgebiet einzuverleiben, andererseits hatten die Albaner keine wichtigen Freunde, die sich f\u00fcr sie stark machen w\u00fcrden. So war wohl vor allem die Angst vor einem allzu m\u00e4chtigen Serbien, dem die Italiener und \u00d6sterreicher keinen Zugang zur Adria g\u00f6nnen wollten, der N\u00e4hrboden f\u00fcr den albanischen Staat. Wien und Rom setzten gegen die Interessen der Russen und Franzosen durch, dass Albanien als Pufferstaat zwischen Serbien und ihren eigenen Einflussbereichen international anerkannt wurde. Dementsprechend klein fielen die Grenzen des neuen albanischen Staats aus: Knapp gross genug f\u00fcr einen \u00fcberlebenstauglichen Staat, aber ohne viele wichtige Zentren \u2013 das Siedlungsgebiet von rund der H\u00e4lfte der Albaner ging an die Nachbarstaaten und sorgte noch f\u00fcr die fast n\u00e4chsten 100 Jahre f\u00fcr ungel\u00f6ste Probleme, Vertreibung und Gewalt.<\/p>\n<p>Auch wenn der junge albanische Staat die erste H\u00fcrde nahm und von der internationalen Gemeinschaft mit dem Ende des Ersten Balkankriegs anerkannt wurde, gab es noch zahlreiche weitere H\u00fcrden zu nehmen. Es sollte viele Monate dauern, bis sich die ausl\u00e4ndischen Armeen aus albanischem Territorium zur\u00fcckgezogen hatten. Der von den Grossm\u00e4chten eingesetzte deutsche Prinz, der Albanien regieren sollte, erwies sich als recht unf\u00e4hig und machtlos. Auch viele m\u00e4chtige Albaner versuchten oft und zum Teil auch mit Gewalt, mehr ihre eigenen Interessen durchzusetzen als der noch fremden Idee eines geeinten Albaniens zu folgen. Im Ersten Weltkrieg war Albanien gleich wieder Tummelplatz ausl\u00e4ndischer Soldaten. Nach dem Krieg sollte Albanien oder Teile davon\u00c2\u00a0unter den Besatzungsm\u00e4chten aufgeteilt werden \u2013 sie waren aber wohl zu kriegsm\u00fcde, um sich in Albanien festzubeissen. Die f\u00fcr einmal geeinten Albaner schafften es, die fremden Truppen aus dem Land zu jagen und eine eigenst\u00e4ndige Staatlichkeit zu etablieren. In der Folge anerkannte der V\u00f6lkerbund Albaniens Unabh\u00e4ngigkeit, die Albaner konnten die Eigenstaatlichkeit f\u00fcr ein paar weitere Jahrzehnte retten. In Kosova litten die Albaner aber schwer: Hundertausende Muslime wurden vertrieben.<\/p>\n<p>Die Zwischenkriegszeit war zuerst gepr\u00e4gt von sich laufend abwechselnden Regierungen, die sich zum Teil gewaltsam abl\u00f6sten, bis sich der junge Ahmet Zogu mit geringer R\u00fccksichtnahme auf Verluste etablieren konnte. Er liess sich erst zum Pr\u00e4sidenten, sp\u00e4ter zum K\u00f6nig ausrufen und setzte seine Interessen vehement durch, aber schaffte allm\u00e4hlich stabile Verh\u00e4ltnisse, ein Staatsverst\u00e4ndnis unter seinen Untergebenen und einen einigermassen funktionierenden Staatsapparat. Er f\u00fchrte das Land aber auch in eine gef\u00e4hrliche Abh\u00e4ngigkeit zu den Italienern. Mussolini \u00fcberfiel dann auch im April 1939 Albanien und gliederte es dem Italienischen K\u00f6nigreich ein. Die albanische Unabh\u00e4ngigkeit wurde mal wieder zu Grabe getragen. Wiederum meinte es das Schicksal recht g\u00fctig mit den Albanern. Als Italien kapitulierte, mussten die Deutschen diese Flanke sichern. Ihnen fehlten aber die Soldaten, um Albanien zu unterwerfen. Also wurde ein grossalbanischer Staat ausgerufen, und die Wehrmacht k\u00fcmmerte sich nur um die allerdringlichsten Angelegenheiten. Nach dem Krieg, als die meisten Albaner aus Griechenland vertrieben wurden, entstand in den alten Grenzen die Sozialistische Volksrepublik Albanien. Das Land entwickelte sich rasch, als Hoxha noch Hilfe von den Sowjets annahm, verfiel aber immer mehr, je mehr der paranoide Diktator das Land von der Aussenwelt isolierte. Auch zu den Albanern in den jugoslawischen Grenzgebieten bestand kein Kontakt mehr.<\/p>\n<p>1991, als das nationalistisch-diktatorische Regime kommunistischer Couleur in Albanien aufgab und die Demokratie eingef\u00fchrt wurde, war das Land am Boden. Die Bewohner h\u00e4tten es alle am liebsten verlassen und f\u00fcr die Nachbarn w\u00e4re es leichte Beute gewesen \u2013 aber die wollten nicht mehr. Mit internationaler Hilfe wurde Albanien wieder aufgep\u00e4ppelt und die Albaner in ihrem Land zur\u00fcckgehalten. Eine Pseudo-Demokratie mit viel Korruption und gef\u00e4lschten Wahlen etablierte sich, die Menschen waren aber mehr mit dem \u00dcberleben besch\u00e4ftigt. Als man langsam einen Silberstreifen am Horizont sah, kam der n\u00e4chste Schlag: ein grosses System von Pyramidenfirmen st\u00fcrzte Land und Leute in den Ruin. Danach stabilisierte sich Albanien aber deutlich dank verst\u00e4rkter ausl\u00e4ndischer Einflussnahme, verst\u00e4rkter ausl\u00e4ndischer Hilfe und sich verbessernder politischer Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Den Albanern in Kosova ging es aber bald wieder sehr schlecht. Die serbische Repression war schlimm und provozierte bewaffneten Widerstand. Nur die sp\u00e4te Intervention der NATO konnte noch Abhilfe schaffen. Nach dem Kosovokrieg erlangten auch die Albaner in Kosova ihre Selbstbestimmung und konnten 2008 einen eigenen Staat ausrufen. Zwar gibt es in S\u00fcdserbien, in Mazedonien und in Montenegro auch noch albanische Minderheiten, die Konflikte der letzten Jahre haben aber auch hier nachgelassen.<\/p>\n<p>Die Eigenstaatlichkeit, von der die Albaner heute zwei haben, war also w\u00e4hrend der letzten Jahre von vielen gl\u00fccklichen Umst\u00e4nden begleitet. Dass die Albaner unter diesen Umst\u00e4nden immer noch in Unabh\u00e4ngigkeit leben k\u00f6nnen, ist somit alles andere als selbstverst\u00e4ndlich und durchaus ein Grund zum Feiern!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Albanien feiert 100 Jahre Unabh\u00e4ngigkeit \u2013 die Festlichkeiten sind ausgelassen, das Land versinkt in Rot-Schwarz und alles, das irgendeinen Kontext zu den Albanern hat, wird patriotisch hochgejubelt. 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