{"id":2492,"date":"2024-04-27T11:17:46","date_gmt":"2024-04-27T09:17:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/?p=2492"},"modified":"2024-12-25T22:06:01","modified_gmt":"2024-12-25T21:06:01","slug":"albanien-1930-reiseeindruecke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/blog\/2492","title":{"rendered":"Albanien 1930 \u2013 Reiseeindr\u00fccke"},"content":{"rendered":"\n<p>Ausz\u00fcge aus \u00bbProf. Dr. Martin Rikli: Reiseeindr\u00fccke aus Albanien\u00ab, erschienen 1931 in den \u00bbRaschers Monatsheften\u00ab, einer Z\u00fcrcher Zeitschrift.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Raschers Monatshefte war eine \u00bbkulturelle Querschnittszeitschrift\u00ab aus Z\u00fcrich (Verlag Rascher), die 1931 im 4. Jahrgang aus wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnissen eingestellt wurde. Darin waren Texte und Bilder verschiedenster Autoren zu einer breiten Palette von Themen publiziert \u2013 darunter auch ein Vorabdruck von C.G. Jung \u00fcber \u00bbSeelenprobleme\u00ab.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-medium\"><a href=\"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/?attachment_id=2499\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"350\" height=\"508\" src=\"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Martin-Rikli-Portrait-350x508.jpg\" alt=\"Portr\u00e4t von Martin Rikli in Anzug um 1920 \" class=\"wp-image-2499\" srcset=\"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Martin-Rikli-Portrait-350x508.jpg 350w, https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Martin-Rikli-Portrait-800x1160.jpg 800w, https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Martin-Rikli-Portrait-1059x1536.jpg 1059w, https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Martin-Rikli-Portrait-1412x2048.jpg 1412w, https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Martin-Rikli-Portrait-scaled.jpg 1766w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Martin Rikli um 1920<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Mehr bekannt ist \u00fcber den Autor dieser Reiseeindr\u00fccke aus Albanien: Martin Rikli war ab 1909 Professor an der Eidgen\u00f6ssischen Technischen Hochschule Z\u00fcrich. Der Botaniker hatte einen Schwerpunkt auf dem Mittelmeerraum und bereiste die L\u00e4nder der Region intensiv. Der in Basel geborene Forscher hatte vor allem in Z\u00fcrich Spuren hinterlassen als Mitgr\u00fcnder und Leiter der Volkshochschule, Pr\u00e4sident der Naturforschenden Gesellschaft Z\u00fcrich und in verschiedenen weiteren Funktionen. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Herbst 1930 reiste Rikli nach Albanien. Sein Reisebericht, der auf vier Ausgaben der Zeitschrift verteilt war, pr\u00e4sentierte damals den Lesern ein Land, das noch viel unbekannter und fremder war, als es heute ist. Mit den folgenden Ausz\u00fcgen wollen wir ein Bild der damaligen Verh\u00e4ltnisse vermitteln. Sie geben Einblick in das junge Albanien, rund zehn Jahren nach dem Ersten Weltkrieg und der Wiedererlangung der Eigenst\u00e4ndigkeit. Seine Schreibweisen und Formulierungen wurden weitestgehend beibehalten.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbNoch vor kaum einem Menschenalter war Albanien ein nahezu verschlossenes Land, \u00fcber das nur sp\u00e4rliche Nachrichten weniger Forschungsreisender vorlagen. Die hafenlose, malariaverseuchte K\u00fcste, ein un\u00fcbersichtliches, fast wegloses gebirgiges Hinterland, ein Volk, das in zahlreiche sich immer befehende St\u00e4mme zerfiel und in einzelnen, in sich abgeschlossenen Landschaften lebte, die untereinander fast ohne Verkehr blieben, das waren alles Momente, die einen sehr wirksamen Schutz gegen das Eindringen westeurop\u00e4ischer Kultur bedeuteten.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das Land entwickelte sich gerade heraus aus der osmanischen R\u00fcckst\u00e4ndigkeit:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbHeute befindet sich Albanien mitten in einer Entwicklung, die vielfach ganz amerikanisch anmutet. Auf Schritt und Tritt begegnet man einem gerade grotesken Mischmasch von Okzident und Orient, von Primitivit\u00e4t und Modernismus letzter Observanz, kurz gesagt, von alter und neuer Zeit.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Noch immer war es abseits der g\u00e4ngigen Reiserouten \u2013&nbsp;erst 100 Jahre sp\u00e4ter begann sich dies zu \u00e4ndern:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbTouristenlang ist Albanien noch nicht. Der Fremdenstrom reicht bis an seine Nordgrenze. Vor den Toren Albaniens macht er pl\u00f6tzlich Halt. Was von Norden kam, str\u00f6mt nun wieder zur\u00fcck oder geht \u00fcber Meer nach Ancona oder Bari. Dubrovnik [\u2026] ist im Herbst von Fremden, besonders von Deutschen und \u00d6sterreichern, \u00fcberf\u00fcllt, so da\u00df man M\u00fche hat, Platz zu finden [\u2026]. Ganze Autokolonnen gehen t\u00e4glich \u00fcber Kotor nach Cetinje. Hier macht alles kehrt, als ob Albanien ein verwunschenes Land w\u00e4re. So sind die Stra\u00dfen nach S\u00fcden verlassen und menschenleer.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Nicht nur im Tourismus, auch in der Natur sah Rikli viel Potenzial:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbIm Gegensatz zur Steilk\u00fcste Dalmatiens zeigen die meernahen Gebiete [Albaniens] haupts\u00e4chlich Flachland. [\u2026] Dahinter erheben sich Berge, die gr\u00f6\u00dftenteils sehr gut bewaldet sind. Neben Buschwald trifft man pr\u00e4chtigen Hochwald, in dem verschiedene Arten der Eiche vorherrschen. Die dem Hinterland entstr\u00f6menden m\u00e4chtigen Fl\u00fcsse f\u00fchren selbst noch am Schlu\u00df der Trockenheit ansehnliche Wassermassen. [\u2026] Bedenken wir, da\u00df zu diesen reichlichen Niederschl\u00e4gen vielfach auch noch g\u00fcnstige Bodenverh\u00e4ltnisse kommen: feiner und sehr fruchtbarer Schwemmlandboden, eisensch\u00fcssige Terra rossa und auch L\u00f6\u00df, so erscheinen die Zukunftsaussichten Albaniens geradezu gl\u00e4nzend. Es gilt nur, die malariaschwangeren Sumpfgebiete zu entw\u00e4ssern; daf\u00fcr zu sorgen, da\u00df die gro\u00dfen Wassermassen nicht unbenutzt ins Meer abflie\u00dfen, sondern durch ein Netz sorgf\u00e4ltig ausgebauter Bew\u00e4sserungskan\u00e4le dem Lande zum Segen werden. Dann wird das milde Kli,a und die s\u00fcdliche Sonne das ihre dazu beitragen, um aus dem bisher vernachl\u00e4ssigten und wenig bev\u00f6lkerten Land einen wahren Fruchtgarten zu schaffen.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Diese Pl\u00e4ne \u2013 die nicht zwingend von Rikli stammen \u2013&nbsp;wurden in den folgenden Jahrzehnten umgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Schilderungen des Botanikers nehmen nat\u00fcrlich die Vegetation und Landwirtschaft Albaniens viel Platz ein.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbHauptfrucht ist Mais, der Anfang Oktober eingeerntet wird. L\u00e4ngst eingebracht sind dann Weizen und Gerste, die viel weniger Raum in Anspruch nehmen. Daneben sieht man in kleinen Parzellen oft Tabak angepflanzt. An den Lauben der H\u00e4user werden die Bl\u00e4tter zum Trocknen an langen Schn\u00fcren aufgeh\u00e4ngt. Mehr versuchsweise wird gelegentlich auch Baumwolle gehalten. Kleine \u00c4ckerchen sahen wir in der Umgebung von Tirana und bei Elbasan. Der \u00d6lbaum [= Olivenbaum] spielt lange nicht die Rolle, wie in den \u00fcbrigen Mittelmeerl\u00e4ndern. Ebenso hat die Weinrebe in diesem vorwiegend mohammedanischen Land nur untergeordnete Bedeutung. Man h\u00e4lt sie daher fast ausschlie\u00dflich der Trauben wegen. So ist sie zur Gartenpflanze geworden, die als Liane den ums Haus angelegten Obsthain ziert und in sehr vielen Rassen gehalten, k\u00f6stliche Fr\u00fcchte liefert.<br><br>Ein ganz ungewohntes Bild f\u00fcr Mittelmeerl\u00e4nder ist der ungew\u00f6hnlich reiche Viehstand. Vor allem f\u00e4llt die Menge an Rindern auf, einer struppig kleinen, fast zwerghaften Rasse. [\u2026] Umso fremder mutet die geradezu vorsintflutliche Erscheinung des haupts\u00e4chlich als Zugtier verwendeten schwarzen Wasserb\u00fcffels an. Es ist ein starkes Tier mit weit ausladendem Geh\u00f6rn und unglaublich stumpfsinnigem Gesichtsausdruck [\u2026]. Ihm ist das Baden in Pf\u00fctzen oder im Schlamm der S\u00fcmpfe Lebensbed\u00fcrfnis. Wenn er den Fluten entsteigt, den ganzen K\u00f6rper mit Schmutz bedeckt, kann er geradezu als Sinnbild der H\u00e4\u00dflichkeit gelten.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/?attachment_id=2494\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"586\" src=\"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Nordalbaner-mit-Ochsenkarren-Carleton-Coon-1929-800x586.jpg\" alt=\"Historisches Foto aus Nordalbanien: ein Ochsenkarre auf einer Landstrasse mit einem Albaner daneben\" class=\"wp-image-2494\" style=\"width:400px;height:293px\" srcset=\"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Nordalbaner-mit-Ochsenkarren-Carleton-Coon-1929-800x586.jpg 800w, https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Nordalbaner-mit-Ochsenkarren-Carleton-Coon-1929-350x256.jpg 350w, https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Nordalbaner-mit-Ochsenkarren-Carleton-Coon-1929.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Nordalbaner mit Ochsenkarren \u2013 Foto: Carleton Coon, 1929<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Der Wasserb\u00fcffel scheint nicht die Sympathie des Autoren gewonnen zu haben. Bei der albanischen B\u00fcrokratie und Verwaltung war ihm ein Urteil schwieriger. Vergeblich hatte er versucht, in Genf, Mailand oder Dubrovnik ein Visum zu erhalten:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbDie Einreise in Albanien hat ihre Schwierigkeiten. Davon l\u00e4\u00dft sich einiges erz\u00e4hlen, was ganz orientalisch anmutet. [\u2026] So schifften wir uns auf einem italienischen Dampfer nach Durazzo ein in der Erwartung, da\u00df die Bemerkung unseres Reisehandbuches, die Hafenbeh\u00f6rden [\u2026] h\u00e4tten das Recht, Einreisebewilligungen zu erteilen, zutreffe. V\u00f6llig ungewi\u00df \u00fcber unsere n\u00e4chste Zukunft fuhren wir dem gesetzten Ziel entgegen. [\u2026]<br><br>In Erwartung der Gesundheits- und Polizeibeh\u00f6rden. Die sich gegen eine Stunde Zeit lie\u00dfen, genie\u00dfen wir noch vom Deck des Schiffes aus den ersten Anblick des Landes. Im Osten der Stadt bemerkt man eine gro\u00dfe Lagune mit anschlie\u00dfenden, ausgedehnten, im Sommer fieberschwangeren S\u00fcmpfen. Nur ein schmaler D\u00fcnenstreifen erm\u00f6glicht die direkte Verbindung [von Durr\u00ebs] mit dem Lande. [\u2026]<br><br>Der Polizeikommiss\u00e4r gestattet uns schlie\u00dflich an Land zu gehen und bestellt uns auf das Pa\u00dfbureau. Hier scheint die Bezeichnung \u203aprofessore\u2039 eine f\u00fcr uns g\u00fcnstige Stimmung ausgel\u00f6st zu haben. Wir erhalten die P\u00e4sse mit der Einreiseerlaubnis zur\u00fcck, doch als ich \u203apagare\u2039 sage, sch\u00fcttelt der Beamte den Kopf. Es will mir dies nicht einleuchten. Mitreisende Engl\u00e4nder haben in London f\u00fcr das Visum je ein Pfund bezahlt und hier sollte man leichten Herzens auf 50 frs. verzichten? In Anbetracht unserer unabgekl\u00e4rten Lage war ich auf Verweigerung der Einreise oder eine Extraschr\u00f6pfung gefa\u00dft und sah daher in dieser Geste nur eine orientalische List, hinter der neue Schwierigkeiten lauern. [\u2026] Da kommt der Offizier auf mich zu, sch\u00fcttelt mir die Hand, f\u00fchrt mich vor das Bild des K\u00f6nigs und sagt mit sichtlichem Stolz: \u203aUnser K\u00f6nig zahlt.\u2039 Da\u00df ein K\u00f6nig f\u00fcr mich zahlt, ist mir noch nie vorgekommen und wird wohl auch nie mehr vorkommen. Eine bessere Methode, um Interesse und Sympathie f\u00fcr Seine Majest\u00e4t zu werben, d\u00fcrfte es kaum geben. [\u2026] Damit war die Sache erledigt, Albanien stand uns offen.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Sprache und Sprachkenntnisse der Albaner war damals erst recht herausfordernd \u2013&nbsp;die Probleml\u00f6sung bleibt die gleiche:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbEinige Sorge bereitete die Verst\u00e4ndigungsfrage, doch auch sie verlor in diesem merkw\u00fcrdigen Lande schon am ersten Tage ihre ernste Seite und bekam gleich einen komischen Akzent, als der Wirt uns mit den Worten zum Abendessen einlud: \u203aPranzo fertig, if you please.\u2039 In gr\u00f6\u00dferen Ortschaften verf\u00fcgt beinahe jeder Albanese \u00fcber einige Brocken der wichtigsten europ\u00e4ischen Sprachen, und kommt man zu keinem Ergebnis, so gibt es sicher Nachbarn, die sofort hilfsbereit herbeieilen.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend wir uns heute beim Geld mit alten und neuen Lek abm\u00fchen, gab es vor 100 Jahren noch viel gr\u00f6ssere Probleme, die entfern an die 1990er Jahre erinnern:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbNoch einzigartiger sind die Geldverh\u00e4ltnisse. Es zirkulieren so ziemlich alle M\u00fcnzen Europas und der neuen Welt. [\u2026] Auf meinen ersten verausgabten Napoleon erhielt ich als Restgeld mehrere \u00f6sterreichische Silberkronen, zwei Lirest\u00fccke, eine Dollarnote und einige albanesische Lecks [sic!] heraus. Solche Verh\u00e4ltnisse scheinen einen g\u00fcnstigen N\u00e4hrboden f\u00fcr allerlei \u00dcbervorteilung zu bieten. Die Bev\u00f6lkerung ist aber noch nicht verdorben. Wiederholt ist es vorgekommen, da\u00df unsere Rechenk\u00fcnste nicht ausreichten und wir zu viel zahlten. Jedes Mal wurde das Zuviel zur\u00fcckerstattet.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Rikli schildert kaum Sehensw\u00fcrdigkeiten, sondern vermittelt mehr ein allgemeines Bild des Landes und des Alltags. Ausf\u00fchrlich widmet er sich demTreiben in den St\u00e4dten wie zum Beispiel am Geburtstag des K\u00f6nigs in Tirana, dessen Hauptplatz er \u00bbnach der Art der \u203aEtoile\u2039 in Paris\u00ab\u00a0beschreibt, oder der Kleidung.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbScutari, Elbasan und Tirana liegen in weiten, fruchtbaren Becken, umgeben von einem Kranz von Bergen. Der kleinere Teil der Stadt ist jeweilen eng gebaut. Er umfa\u00dft einige winkelige, enge Bazarstra\u00dfen, Moscheen, Amtsgeb\u00e4ude und Herbergen und beansprucht nur wenig Raum. Die kleinen H\u00e4uschen, oft nur von Zimmerbreite, bestehen vielfach einzig aus dem Erdgescho\u00df oder sind einst\u00f6ckig. Im Gesch\u00e4ftsviertel reiht sich Butik an Butik. [\u2026] Wie im ganzen Orient spielt sich auch in Albanien das Leben haupts\u00e4chlich auf der Stra\u00dfe ab. Auf dieser sieht man vielfach sogar die Waren ausgebreitet, selbst T\u00fccher, Kleidungsst\u00fccke, Gem\u00fcse, Obst und Eier. Bei einbrechender Dunkelheit werden die Waren wieder eingeholt und die Butik mit Brettern geschlossen. Nicht selten zieht sich alsdann auch der Handelsmann in diesen wenige Quadratmeter gro\u00dfen Raum zur\u00fcck und schl\u00e4ft in unm\u00f6glicher Stellung, die Beine hochgezogen, auf einem Warenballen. Er spart sich so nicht nur eine Wohnung, sondern auch den Nachtw\u00e4chter. Diese Budenviertel mit ihrem vielfach feuergef\u00e4hrlichen Inhalt sind eine best\u00e4ndige Gefahr. Ein ausbrechender Brand mu\u00df unbedingt zur Katastrophe werden. Es ist ein Wunder, da\u00df dies nicht h\u00e4ufiger der Fall ist, werden doch inmitten dieser engen, aus Holz hergestellten R\u00e4ume auf gl\u00fchenden Kohlen t\u00e4glich unz\u00e4hlige Tassen t\u00fcrkischen schwarzen Kaffee zubereitet und ungez\u00e4hlte Zigaretten angez\u00fcndet. Doch Allah ist gro\u00df, Allah wacht.<br><br>Um diese Gesch\u00e4fts- und Amtsstadt erstreckt sich in weitem Umkreis die Wohnstadt, so da\u00df trotz ihrer bescheidenen Einwohnerzahl diese albanesischen St\u00e4dte ungew\u00f6hnlcih gro\u00dfe Gebiete in Anspruch nehmen und ihr Durchwandern viel Zeit erfordert. Dieser Teil der Siedelung hat den ausgesprochenen Charakter einer Gartentsadt. Von einem erh\u00f6hten Punkt der Umgebung sieht man beinahe nur die schlanken, wei\u00dfen Minaretts, eingebettet in eine parkartige, herrlich gr\u00fcne Landschaft. Man kann schon in der Stadt sein und hat kaum eine Ahnung davon, werden doch die menschenleeren Stra\u00dfen von 2\u20133,5\u00a0m hohen Mauern aus Stein oder Lehm begleitet. Hinter ihnen erheben sich allerlei Obstb\u00e4ume [\u2026]. Auch stattliche Schattenspender fehlen nicht, die h\u00e4ufigsten sind uralte orientalische Platanen, m\u00e4chtige Z\u00fcrgelb\u00e4ume mit \u00fcber halb Meter dickem Stamm [\u2026].<br><br>Durch ein offen gebliebenes Tor erhascht man gelegentlich einen fl\u00fcchtigen Blick in das Innere der einzelnen Grundst\u00fccke, die neben Obstbau auch Gem\u00fcse- und Zierg\u00e4rten aufweisen. Zuweilen bemerkt man auch etwas Getreide. \u00c4ckerchen mit Mais und Moorhirse (Sorghum) oder Parzellen mit Tabak.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Manche Sitten wurden zwischenzeitlich modernisiert, haben aber alte Wurzeln \u2013 so der anschliessende Satz zum Aberglauben:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbAn den B\u00e4umen werden \u00f6fters gebleichte Pferdesch\u00e4del befestigt, ein Zeugnis des noch herrschenden Aberglaubens der Bev\u00f6lkerung; sie bilden einen Talisman, der vor b\u00f6sem Blick und Verzauberung sch\u00fctzt und zugleich f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Fruchtbarkeit zu sorgen hat.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Beschreibungen von dem, was sich hinter den Hofmauern verbirgt, setzt er noch um mehrere Seiten fort. Aber auch der Wandel im Land, insbesondere in Tirana, wird dokumentiert:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbVon Durr\u00ebs kommend, begegnet man schon weit vor der Stadt modernen Geb\u00e4ulichkeiten, dem Elektrizit\u00e4tswerk, gro\u00dfen Kasernementen, den hohen Masten einer Station f\u00fcr drahtlose Telegraphie, der jugoslawischen Gesandtschaft und dem Flugplatz mit m\u00e4chtigem Hangar [\u2026]. Dieses mehrere Kilometer lange, schnurgerade letzte Teilst\u00fcck der Stra\u00dfe f\u00fchrt in das Zentrum der Stadt, auf einen gro\u00dfen Platz, der in vollem Umbau begriffen ist. [\u2026] gro\u00dfartige Boulevards, die in gar keinem Verh\u00e4ltnis zur heutigen Kleinstadt von kaum 15&#8217;000 Einwohnern stehen. Im ersten Teil fertig ist der mit hohen elektrischen Bogenlampen ausgestattete Boulevard Mussolini. Bei einer Breite von vollen 42 Schritten hat er schon eine L\u00e4nge von mehr als einem Kilometer. [\u2026] Die H\u00e4user sind jedoch noch sp\u00e4rlich. Neben sehr modernen, n\u00fcchternen Betonbauten stehen heimelige T\u00fcrkenh\u00e4user, eine feudale Kaserne, das Cinema populore, ein hocheleganter Tearoom und viele Baracken, denen man ansieht, da\u00df, obwohl erst entstanden, ihre Tage doch schon gez\u00e4hlt sind. [\u2026]<br><br>Viel bietet Tirana zur Zeit sonst noch nicht. Der bescheidene K\u00f6nigspalast wird von Vorbauten und Mauern so umgeben, da\u00df eine direkte Ann\u00e4herung schwer f\u00e4llt. Stolzer als der Bau ist die K\u00f6nigswache.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Auch der Verkehr, der Strassenbau und das Reisen waren Thema:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbIn Tirana war die gro\u00dfe Zahl an Mietautos auffallend, Pferdefuhrwerke fehlten fast ganz. Umgekehrt war das Verh\u00e4ltnis in Scutari. Und als wir einige Tage sp\u00e4ter in Italien, in Bari landeten, erwarteten uns am Hafen nur lange Reihen von Droschken, die wenigen Autos geh\u00f6rten ausnahmslos Privaten.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Erstaunlicherweise war das Thema Sicherheit und Blutrache zu der Zeit noch nicht so raumf\u00fcllend wie in vielen sp\u00e4ter verfassten Berichten. Unsicher scheint sich der Reisende Rikli nicht gef\u00fchlt zu haben, so dass die Bewaffnung nur beim Thema Trachten Erw\u00e4hnung findet.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbFr\u00fcher trug der Mann stets das Gewehr mit sich. Vor einiger Zeit hat im Unterland die Regierung durch Milit\u00e4r die Waffen einziehen lassen, und seither ist das Waffentragen nur mit Erlaubnisschein gestattet. Im Gebirge wurde diese Ma\u00dfnahme noch nicht gewagt. Auch im Unterland scheinen sie nur zum Teil durchgef\u00fchrt zu sein; viele Waffen wurden in den W\u00e4ldern und Felskl\u00fcften versteckt. Es ist vorgekommen, da\u00df, kaum nachdem die Durchsuchugn eines Dorfes abgeschlossen war, Blutrache durch Erschie\u00dfen des Gegners ausge\u00fcbt wurde. Gegen die Vendetta gehen \u00fcbrigens die Beh\u00f6rden mit aller Strenge vor. Um die Unterst\u00fctzung des Fl\u00fcchtlings durch Familienangeh\u00f6rige und Freunde zu verunm\u00f6glichen, werden dieselben nach einem Vendettafall in eine entfernte Landesgegend evakuiert.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Eine knappe Seite widmet der Autor auch der Stellung der Frau:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbDie Frau hat in Albanien ein schweres Leben. Ihre Arbeitskraft wird \u00fcber alles Ma\u00df ausgen\u00fctzt. Auf schmalem, steilem Bergpfad sieht man sie schwere Lasten tragen, dabei die mitziehenden Kinder betreuen und dazu erst noch spinnen. Hat sie einen S\u00e4ugling, so wird derselbe samt der Wiege auf dem R\u00fccken mitgeschleppt [\u2026]. Neben seiner Familie schreitet stolz der Mann, nur mit einem Stock in der Hand; wir haben uns oft dar\u00fcber aufgehalten. Die Erkl\u00e4rung soll darin zu suchen sein, da\u00df der Mann bis vor kurzer Zeit die Aufgabe hatte, die Frau zu sch\u00fctzen. Da ihm nun die Waffen genommen worden sind, f\u00e4llt diese Mission dahin. Mache Arbeiten h\u00e4lt er aber jetzt noch als unter seiner W\u00fcrde stehend. So verbringt er einen gro\u00dfen Teil seiner Zeit mit Herumlungern, Kaffeetrinen, Zigarettenrauchen. Leichter ist es, die Waffen wegzunehmen, als zur Arbeit zu erziehen.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>R\u00fcckblickend scheint Rikli die Zeit in Albanien genossen zu haben. Eine Spur Zweifel zur Zukunft des Landes scheint in den Schlussworten aber doch durchzudringen. Die Verh\u00e4ltnisse und Entwicklung scheint bei ihm zwiesp\u00e4ltige Gef\u00fchle hinterlassen zu haben. So bezieht er sich da auf die vielen Kr\u00e4hen, die in Massen \u00e4ngstlich und hilflos durch Tiranas Himmel flogen, als 52 italienische Flugzeuge zu Ehren des K\u00f6nigs an seinem Geburtstag \u00fcber der Stadt kreisen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bb[\u2026] und wenn ich heute an Albanien zur\u00fcckdenke, das uns so gastlich aufgenommen hat so will ich gerne hoffen, da\u00df dieser Vogel [die Kr\u00e4he], von alters her das Symbol der Allwissenheit, aber auch die Personifikation des Todesschattens, am Geburtstag des K\u00f6nigs nicht zum Ungl\u00fccksboten geworden ist.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left has-small-font-size\">   <br><em>Das Foto mit dem Ochsenkarren stammt vom umstrittenen amerikanischen Anthropologen Carleton S. Coon, der 1929 Nordalbanien bereiste.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausz\u00fcge aus \u00bbProf. Dr. Martin Rikli: Reiseeindr\u00fccke aus Albanien\u00ab, erschienen 1931 in den \u00bbRaschers Monatsheften\u00ab, einer Z\u00fcrcher Zeitschrift.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":2494,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2}},"categories":[8,6],"tags":[834,829,832,415,828,109,833,831,830],"class_list":["post-2492","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-history","category-travel","tag-artikel","tag-bazar","tag-botanik","tag-einreise","tag-martin-rikli","tag-reisebericht","tag-zeitschrift","tag-zogu","tag-zwischenkriegszeit"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Nordalbaner-mit-Ochsenkarren-Carleton-Coon-1929.jpg","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2492","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2492"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2492\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2538,"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2492\/revisions\/2538"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2494"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2492"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2492"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2492"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}