{"id":202,"date":"2009-08-23T23:18:01","date_gmt":"2009-08-23T21:18:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.albanien.ch\/une\/?p=202"},"modified":"2009-08-23T23:18:01","modified_gmt":"2009-08-23T21:18:01","slug":"meine-durchquerung-der-nordalbanischen-alpen-im-april-1914","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/blog\/202","title":{"rendered":"Meine Durchquerung der nordalbanischen Alpen im April 1914"},"content":{"rendered":"<p>1914, in der kurzen \u00bbfriedvollen\u00ab Zeit zwischen Balkankriege und dem Ersten Weltkrieg, machte sich der Z\u00fcrcher Dr. C. T\u00e4uber auf, den westlichen Balkan zu erkunden. Auf albanisches Territorium stiess er leider nicht vor, aber seine Erkundigung des Gebiets zwischen den \u00bbStra\u00dfen den gro\u00dfen Weltverkehrs\u00ab (die Dampferlinie in der Adria und die macedonische Bahnlinie zwischen Belgrad und Skopje) in den Albanischen Alpen und Kosova (das er Oberalbanien nennt) zeigen ein eindr\u00fcckliches Bild des von 500 Jahren t\u00fcrkischer Herrschaft gepr\u00e4gten r\u00fcckst\u00e4ndigen Balkans. Es zeigt uns vor allem auch das Bild, das Europa im Jahr 1 des unabh\u00e4ngigen albanischen Staats von den Albanern hatte.<!--more--><\/p>\n<p>T\u00e4uber und sein Berggef\u00e4hrte Gloggengiesser reisten von Kotor \u00fcber Cetinje nach Podgorica, besuchten das benachbarte Albanerdorf  Tusi, reisten \u00fcber Kola\u0161in und Andrijevica nach Plav. Von dort \u00fcberquerten sie den \u00c7akor-Pass nach Peja, durchquerten das Rrafsh i Dukagjinit bis Prizren und fuhren dann nach Skopje.<\/p>\n<p>In Plav gelangte die Reisegesellschaft erstmals in ein von Albanern bewohntes Gebiet. T\u00e4uber nutze die Gelegenheit, um die albanischen Bewohner der Berge ausf\u00fchrlich zu beschreiben.<\/p>\n<blockquote><p>Malissoren ist der Sammelname all der verschiedenen St\u00e4mme, die in den nordalbanischen Bergen hausen. Malcija hei\u00dft das Bergland; Maja (Mehrzahl \u00bbMali\u00ab) oder Tschaffa ist die allgemeine Bezeichnung f\u00fcr \u00bbBerg\u00ab. (Mali Hotit sind die Berge des Stammes Hoti, Malcija Leschit das Bergland von Lesch oder Alessio.)<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit dem Albanischen scheint er es nicht so zu haben. Aber die folgenden Ausf\u00fchrungen zeigen doch ein Bild der damaligen Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<blockquote><p>Jeder Stamm lebt vollst\u00e4ndig f\u00fcr sich, gibt sich seine eigenen ungeschriebenen (Schulen bestehen ja keine!) Gesetze: das alte Herkommen oder \u00bbAdet\u00ab, und anerkennt keine Herrschaft. Alles wie im grauesten Altertum. Das bi\u00dfchen Kultur ist durch Ber\u00fchrung mit der n\u00e4chsten Au\u00dfenwelt gekommen; so wurde der eine Stamm mohammedanisch, der andere orthodox, der dritte katholisch, je nach der Nachbarschaft oder dem einstigen Geschmack des Clan-Oberhauptes oder Patriarchen. Es hat also auch jeder Stamm seine eigene kleine Geschichte und oft seine eigenen Gebr\u00e4uche. Die nach den Bestimmungen des Londoner Friedens zu Montenegro geschlagenen St\u00e4mme sind die Hoti bei Tusi, die angrenzenden Gruda, Kotschaj und Trjepschi. \u201d\u00a6 Die Hoti n\u00e4hren sich von Viehzucht, in der Ebene des Zemflusses von Ackerbau und an den Buchten des Skutarisees, am Li\u00c4\u008denj (\u00bbSee\u00ab) Hotit von Fischfang. Durch ihre T\u00fcchtigkeit in den Kriegen gegen die T\u00fcrkei, gegen Montenegro und Venedig gewannen sie den ersten Rang und das Vorrecht, auf dem linken t\u00fcrkischen Fl\u00fcgel zu k\u00e4mpfen und dreifache Rationen beziehen zu d\u00fcrfen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nat\u00fcrlich \u00e4ussert er sich auch zur Blutrache, dem Gesetz der Berge:<\/p>\n<blockquote><p>Das uralte Gesetz der Blutrache, das einzige, welches die Leute vor allerei Ausschreitungen bewahrt, dezimierte die St\u00e4mme oft entsetzlich. Es gibt F\u00e4lle, wo 70 und mehr Prozent der Todesursachen auf die Blutrache zur\u00fcckzuf\u00fchren sind. So hatten Gussinje und Plawa besonders viel von den westlichen Nachbarn zu leiden, den m\u00e4chtigen Klementi [Kelmendi], welche von dem gefl\u00fcchteten Venezianer \u00bbAbbate\u00ab Klement abstammen sollen und wieder in verschiedene Unterst\u00e4mme zerfallen.  Die Klement bewohnen eine \u00f6de, steinige Gegend und sahen sich zu fortw\u00e4hrenden Raubz\u00fcgen gezwungen. Bekanntlich war dies fr\u00fcher auch bei den Montenegrinnern der Fall, wo vor ihrer Zivilisierung durch den jetzigen K\u00f6nig und seinen Onkel die Lebensverh\u00e4ltnisse sehr viel \u00c4hnlichkeit mit Nordalbanien aufwiesen.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>In den Bergen s\u00fcdlich von Gussinje und Plawa wohnen die wilden Nikaj mit \u00fcber 400 waffenf\u00e4higen M\u00e4nnern; in den Bergen westlich von Dschakowitzadie Gaschi, welche durchwegs Mohammedaner sind und mit zwei Barjaks 800 Bewaffnete ins Feld stellen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Eher \u00fcberraschend kommt da der Verrgleich mit der schweizerischen direkten Demokratie.<\/p>\n<blockquote><p>Diese sind zusammen die Plekjte, d. i. die \u00bb\u00c4ltesten\u00ab, und bilden die Pletschenia, den \u00bbRat\u00ab. Allgemeine Angelegenheiten (Entscheidungen \u00fcber Krieg oder Frieden und Gesezes\u00e4nderungen) m\u00fcssen indessen der Volksversammlung (Kuv\u00e9nt, italienisch Covento) vorgelegt werden, welche regelm\u00e4\u00dfig im Fr\u00fchjahr oder Herbst stattfindetund \u00fcber den Zeitpunkt der Alpauffahrt und Heimkehr Beschlu\u00df fa\u00dft. Der Vorgang anl\u00e4\u00dflich der Volksversammlung entspricht ungef\u00e4hr dem an unsern Landsgemeinden. Nichterscheinen zieht Strafe nach sich (2\u20134 Schafe).<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch die Lebensumst\u00e4nde werden beschrieben.<\/p>\n<blockquote><p>Die H\u00fctten der Malissoren sind sehr primitv aus Stein, Holz oder Stroh erstellt mit nur einem schmutzigen Erdgescho\u00df, ohne Tisch noch Stuhl. Im Sommer schl\u00e4ft man im Freien, im Winter h\u00fcllt man sich in eine Wolldecke. Ein Stein dient als Herd; man i\u00dft aus der Hand und trinkt Fl\u00fcssigkeiten aus einem Holzl\u00f6ffel. Maisbrot, Milchspeisen und Kr\u00e4uter bilden die Hauptnahrung, Schaffleisch mit Reis nur bei Anwesenheit von G\u00e4sten. Der Raki wird in gro\u00dfen Quantit\u00e4ten getruken, Wein nur an Festtagen.<\/p>\n<p>Das Ehrgef\u00fchl ist ebenfalls, wie bei den Montenegrinern, sehr stark entwickelt. Die Bessa, das gegebene Wort, wird unverbr\u00fcchlich gehalten. Die Gastfreundschaft ist so heilig wie in Montenegro. Die Malissoren sind tapfer und k\u00fchn, aber ungleich den Montenegrinern keine guten Sch\u00fctzen. Der Sch\u00e4del wird meist glatt rasiert undmit einer kleinen wei\u00dfen Kappe, dem Tschulat, bedeckt. Die Hosen sind lang, aus graugelber Schafwolle verfertigt und mit breiten schwarzen Passepoils versehen. Den Leib bedeckt eine nicht \u00fcberall gleiche \u00e4rmellose Wolljacke. Als Fu\u00dfbekleidung dienen wie in Montenegro die Opanken.<\/p>\n<p>Krasser Aberglaube herrscht bei dem  v\u00f6llig ungebildeten Volke. Die Frau wird um einige hudert Franken verkauft; ihre Stellung ist die eines Haus- und Lasttieres. Dagegen wird sie als Mutter gesch\u00e4tzt, und zwar umso mehr, je mehr Kinder sie bringt. Die M\u00e4dchen h\u00fcten die Herden, spinnen die Wolle und weben die groben Stoffe. Verschleierung ist auch bei den mohammedanischen Malisorinnen nicht Sitte. Die Heiratszeremonien sind sehr umst\u00e4ndlich. Das wichtigste Fest ist das des Hauspatrons, die serbische Slawa.<\/p><\/blockquote>\n<p>Kein Wunder, waren die damaligen Reisef\u00fchrer nicht des Lobes f\u00fcr dieses Land. T\u00e4uber meint aber, dass sich die \u00bbGebirgspracht\u00ab am \u00c7akor-Pass und insbesondere in der Rugova-Schlucht  \u00bbmit vielen unserer Alpent\u00e4ler messen\u00ab d\u00fcrfe. Deswegen werden auch die \u00bbTouristenhandb\u00fccher \u201d\u00a6 davon sprechen m\u00fcssen\u00ab. Im \u00bbGebiet der wilden Bewohner von R\u00fagowo\u00ab kehrten sie drei Stunden von Peja entfernt in den Han Jussuf ein.<\/p>\n<blockquote><p>Ein Albaner kredenzt den unvermeidlichen Kaffee und Raki. \u201d\u00a6 Wer hier zu n\u00e4chtigen gezwungen ist, mu\u00df mit dem Fu\u00dfboden vorliebnehmen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wieder kommt T\u00e4uber auf die Schlafsitten der Albaner zu sprechen.<\/p>\n<blockquote><p>\u201d\u00a6 zieht wie ein unversieglicher Stom Karawane an Karawane vor\u00fcber, und bereits hat der drohende regen eingesetzt, der sich fortw\u00e4hrend verst\u00e4rkt. Wo \u00fcbernachten nur all diese gegen Plawa ziehenden Albaner mit ihren rotjackigen, kurzgesch\u00fcrzten, rotwei\u00dfhosigen und rotstr\u00fcmpfigen, kleingewachsenen und rasch gealterten Weibern, die noch unterwegs zur traglast die Spindel drehen? Die Antwort lautet einfach: auf dem blo\u00dfen Erdboden, trotz dem Regen. Fast klingt es wie ein M\u00e4rchen aus alten Zeiten. Immer und immer mu\u00df ich an diesen \u00fcberraschenden vorweltlichen S\u00e4umerzug denken. Gru\u00dflos zieht alles nebeneinander vorbei durch den Regen und Schmutz. Der aufmunternde Albanerruf an das Pferd: Hajdi  (\u00bbgeh!\u00ab) und das Klappern der Hufe auf dem schl\u00fcpfrigen Fels sind die einzigen Laute in dieser wilden Jagd.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Kloster in De\u00e7an, das die Schweizer Reisenden in den n\u00e4chsten Tagen besuchten, schien schon damals Ort von Auseinandersetzungen gewesen zu sein:<\/p>\n<blockquote><p>Auch gegenw\u00e4rtig beherbergt es ein Detachement Soldaten, um jeglichen \u00dcberfall der in dieser Gegend besonders wilden r\u00e4uberischen Albanerst\u00e4mme zu wehren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch wenn der Kontakt mit Albanern nicht einfach gewesen zu sein scheint, machte T\u00e4uber durchaus auch seine positiven Erfahrungen, als er allein nach Gjakova unterwegs war:<\/p>\n<blockquote><p>In der N\u00e4he des Dorfes Kraj stie\u00df ich mit einem berittenen Albaner zusammen, dessen Pferde gro\u00dfe S\u00e4cke mit k\u00f6stlichen Gem\u00fcsen trugen. Ich rechnete richtig darauf, da\u00df er Handelsmann sei, der seine Ware auf den Markt der Hauptstadt bringe. Darum folgte ich dicht hinter ihm. Obschon wir miteinander nicht sprechen konnten, entspann sich doch eine Art gegenseitigen Zutrauens. Wenigstens bemerkte ich bald, da\u00df er beim Reiten etwas vor sich hin drehte mit den H\u00e4nden, es zusammenklebte, anz\u00fcndete und mir freundlich r\u00fcckw\u00e4rts reichte. Es war die Friedenszigarette! So ritten wir lange schweigend durch die \u00fcppige Landschaft, von strahlender Sonne beschienen, im Angesicht der schneebdeckten Bergketten; es war eine Lust. Ich w\u00fcnschte Vers\u00f6hnung und Ruhe auf die ungl\u00fccklichen Albaner hernieder. \u201d\u00a6 Allm\u00e4hlich zeigten sich die Spitzen von Minarets, und deutlicher trat das H\u00e4usergewirr von Dschakowa, serbisch Dschakowitza, hervor. Der Kaufmann schwenkte mit Abschiedsgru\u00df in eine Seitengasse hinein, ich durchritt auf dem holprigen Stra\u00dfenpflaster die langen Zeilen der niedrigen Verkaufsbuden vom Nordende der ausgedehnten Stadt bis zu ihrem S\u00fcdenede, als allein reisender Fremdling angestaunt von den Bewohnern.<\/p><\/blockquote>\n<h5>Ausz\u00fcge aus: C. T\u00e4uber: \u00bbMeine Durchquerung der nordalbanischen Alpen im April 1914\u00ab publiziert im \u00bbJahrbuch des Schweizer Alpenclub\u00ab, 50. Jahrgang 1914 und 1915<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1914, in der kurzen \u00bbfriedvollen\u00ab Zeit zwischen Balkankriege und dem Ersten Weltkrieg, machte sich der Z\u00fcrcher Dr. C. T\u00e4uber auf, den westlichen Balkan zu erkunden. 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