{"id":1458,"date":"2016-02-16T14:19:20","date_gmt":"2016-02-16T13:19:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.albanien.ch\/une\/?p=1458"},"modified":"2024-12-25T21:44:15","modified_gmt":"2024-12-25T20:44:15","slug":"wege-in-die-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/blog\/1458","title":{"rendered":"Wege in die Freiheit"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_1474\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/?attachment_id=1474\" rel=\"attachment wp-att-1474\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1474\" class=\"wp-image-1474\" src=\"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Virgine-giurata-595x428.jpg\" alt=\"Alba Rohrwacher in \u00bbVergine giurata\u00ab\" width=\"450\" height=\"323\" srcset=\"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Virgine-giurata-595x428.jpg 595w, https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Virgine-giurata-768x552.jpg 768w, https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Virgine-giurata-960x690.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1474\" class=\"wp-caption-text\">Alba Rohrwacher in \u00bbVergine giurata\u00ab<\/p><\/div>\n<h4><strong>Die albanisch-schweizerischen Filmproduktionen \u00bbDe l&#8217;autre c\u00f4t\u00e9 de la mer\u00ab und \u00bbVergine giurata\u00ab an den Solothurner Filmtagen 2016.<\/strong><\/h4>\n<p><!--more--><\/p>\n<h6>Von <a href=\"http:\/\/www.albanien.ch\/bb\/author\/Christian-Hadorn\/\">Christian Hadorn<\/a>, Chevroux \u2013 Mitglied Vorstand Gesellschaft Schweiz-Albanien<\/h6>\n<p>Wieder sind es die erhabenen albanischen Berge, ihre wolkenverhangenen T\u00e4ler und ihre knorrigen B\u00e4ume, die die B\u00fchne bilden f\u00fcr eine vergessene Welt und das archaische Gesetz der Ehre, das von alters her die albanischen Bergst\u00e4mme bestimmt hat. Wieder sind es die Mannfrauen (<em>burrnesha<\/em>, oder auch \u00bbJungfrauen\u00ab, <em>virgjinesha<\/em>, genannt) und die Blutrache, diese bildtr\u00e4chtigen und exotischen Ph\u00e4nomene des <em>Kanun<\/em>, des albanischen Gewohnheitsrechts, die uns entf\u00fchren in eine ferne und doch so nahe Gegend, die sich bis heute den Atem der Vergangenheit in ihren Familiengeschichten bewahrt hat. Und wieder einmal sind es die Frauenfiguren, die sich aus den F\u00e4ngen dieser mittelalterlichen und paternalistischen Enge befreien und uns mitnehmen in eine bessere und hoffnungsvolle Welt.<\/p>\n<p>In der h\u00fcbschen Atmosph\u00e4re des historistischen Konzertsaals der Solothurner Filmtage sind es <em>Mira<\/em> (Kristina Ago) in Pierre Maillards \u00bbDe l&#8217;autre c\u00f4t\u00e9 de la mer\u00ab (CH, AL 2015) und <em>Hana<\/em> (Alba Rohrwacher) in Laura Bispuris \u00bbVergine giurata\u00ab (CH, AL, RKS, I, D 2015), die diese Aufgabe \u00fcbernehmen und uns teilhaben lassen an ihren Geschichten, die sie beide auf die andere Seite der Adria nach Italien in ihre Freiheit f\u00fchren. In <em>Hanas<\/em> Fall freilich in einem gem\u00e4chlichen Tempo, ohne die Reise \u00fcber das Meer wirklich zu zeigen, denn ihr obliegt nichts weniger, als das ehrenvolle Andenken an ihren Stiefvater Jahre nach seinem Tod endlich zu begraben und die in den albanischen Bergen respektierte Identit\u00e4t als Mannfrau <em>Mark<\/em> gleichsam und wahrhaftig St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck abzustreifen. Ganz anders in <em>Miras<\/em> Fall: Hier explodiert die Geschichte f\u00f6rmlich, in einer verbotenen Jugendliebe und einer Serie von Gewehrkugeln, die sie dem Meer entgegentreibt. Sie stolpert, \u00fcberlebt, flieht und setzt auf einem Fl\u00fcchtlingsboot ihre Reise fort, einer ungewissen Zukunft entgegen. In beiden F\u00e4llen ist es aber das archaische Albanien, das Albanien der Berge und seines Ehrbegriffs, seiner kleinen uralten Kirchen und unasphaltierten Strassen und seiner kaum ber\u00fchrten Landschaft, das die Kulisse bildet f\u00fcr den Ausgangspunkt ihrer Reisen. Es sind gewaltige Reisen, \u00fcber ein scheinbar gewaltiges Meer, gilt es doch eine Geschichte von Jahrhunderten hinter sich zu lassen.<\/p>\n<p>Es scheint kein Zufall zu sein, dass es gerade dieser Hauch der Vergangenheit und seiner hierzulande vergessenen archaischen Werte ist, der westliche Kulturschaffende fasziniert und ihnen auch eine gewisse Aufmerksamkeit garantiert. Man mag auch dagegen wettern und sagen: H\u00f6rt auf mit diesem Exotismus, schaut euch das moderne und pulsierende Leben im <em>Blloku<\/em>, dem Ausgehviertel Tiranas an! Geht hin und seht doch, mit welchem Elan die sozialistische Regierung Rama und der charismatische junge B\u00fcrgermeister von Tirana <em>Veliaj<\/em> ihr Land ins 21. Jahrhundert f\u00fchren! Doch noch existieren diese archaischen Elemente. Und ist es nicht gerade dieses Nebeneinander von Mittelalter und Moderne, das uns an Albanien so fasziniert?<\/p>\n<div id=\"attachment_1473\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/?attachment_id=1473\" rel=\"attachment wp-att-1473\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1473\" class=\"wp-image-1473\" src=\"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/De_l_autre_cote_de_la_mer_Plakat-595x850.jpg\" alt=\"Filmplakat\" width=\"300\" height=\"429\" srcset=\"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/De_l_autre_cote_de_la_mer_Plakat-595x850.jpg 595w, https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/De_l_autre_cote_de_la_mer_Plakat-768x1097.jpg 768w, https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/De_l_autre_cote_de_la_mer_Plakat-960x1371.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1473\" class=\"wp-caption-text\">Filmplakat<\/p><\/div>\n<p>Wie Pierre Maillard wiederholt betont, stehe es ihm denn auch fern, die heutige albanische Gesellschaft abzubilden. Tats\u00e4chlich erz\u00e4hlt Maillards Spielfilm trotz aller Zeitgenossenschaft, trotz der erz\u00e4hlerischen N\u00e4he zum Kosovokrieg 1999 und zu aktuellen Fl\u00fcchtlingsbewegungen auf dem Balkan, eine Geschichte, die fernab ist vom Tagesgeschehen. Sein \u00bbRoad movie \u00e0 pied\u00ab (Maillard) \u2013 der an so manche Fussg\u00e4ngerfilme Alain Tanners erinnert \u2013 ist denn auch die sehr pers\u00f6nliche Geschichte zweier vertriebener und getriebener Menschen, deren Schicksale sich in den albanischen W\u00e4ldern ineinander verfangen und in einer alten hohlen Platane Zuflucht finden. Geschickt erz\u00e4hlt Maillard in kontrastreichen und ruhigen Bildern also schlussendlich zwei Geschichten in <em>einer<\/em>, wenn er nicht nur Maras Flucht \u00fcber das Meer Richtung Westen zeigt, sondern auch die Reise des franz\u00f6sischen Fotografen Jean \u00fcber das Meer nach Osten und zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der ehemalige Kriegsfotograf (eindringlich gespielt von Carlo Brandt) leidet an einem Verbrechen, das er vor Jahren im Kosovokrieg fotografierte und das ihn seither nicht mehr losl\u00e4sst. Trost findet der vom Schicksal Vertriebene in seinem apulischen Atelier und seinen Bildern von alten B\u00e4umen, die er rastlos immer wieder von Neuem mit seinem Fotografenauge einf\u00e4ngt. Eines Tages setzt er mit seiner Ausr\u00fcstung \u00fcber und sucht ihn auch dort, seinen Baum, ganz in der N\u00e4he seines Ungl\u00fccksorts, in den albanischen Bergen.<\/p>\n<p>Ganz im Sinne einer h\u00f6heren Erz\u00e4hlebene zelebriert Maillard im ganzen Film die Macht des Bildes, zu Beginn in Form von eindringlichen Kriegsfotografien, mit denen er (von einer fulminanten Musik begleitet) in die Geschichte einsteigt, um dann mit bewegten Filmbildern von albanischen Landschaften und ihren Ausschnitten uns mit ebenso beeindruckenden Einblicken zu versorgen, die h\u00e4ufig symbolischen Charakter haben (Kamera: Aldo Mugnier). Da sind majest\u00e4tische alte B\u00e4ume zu sehen, brennende B\u00e4ume, aber auch verlassene Industrieanlagen und trostlose Viadukte und eben dieses Flashback-Bild von \u00bbjenseits der Berge\u00ab (wie Jean sich ausdr\u00fcckt), das sich seit jenem Tag im Kosovo-Krieg besonders tief in das Gehirn des Fotografen eingegraben hat. Dies sind allesamt Jeans (und Maillards) Bilder, denn sie sind alle Ausdruck seines Erlebens als K\u00fcnstler und Fotograf. In diesem Sinne \u00fcberh\u00f6ht die Geschichte von Jean diejenige von Mara, denn sie bildet nicht nur die eigentliche Rahmenhandlung, die Anfang und Ende bestimmt, sondern auch ein m\u00e4chtiges Bilderuniversum, das Jeans (und Maillards) poetischen Blick auf Welt freilegt.<\/p>\n<div id=\"attachment_1475\" style=\"width: 489px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/?attachment_id=1475\" rel=\"attachment wp-att-1475\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1475\" class=\"wp-image-1475\" src=\"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/De_l_autre_cote_de_la_mer-595x395.jpg\" alt=\"Kristina Ago und Carlo Brandt in \u00bbDe l\u201d\u2122autre c\u00f4te de la mer\u00ab\" width=\"479\" height=\"318\" srcset=\"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/De_l_autre_cote_de_la_mer-595x395.jpg 595w, https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/De_l_autre_cote_de_la_mer-768x510.jpg 768w, https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/De_l_autre_cote_de_la_mer-960x637.jpg 960w, https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/De_l_autre_cote_de_la_mer.jpg 1373w\" sizes=\"auto, (max-width: 479px) 100vw, 479px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1475\" class=\"wp-caption-text\">Kristina Ago und Carlo Brandt in \u00bbDe l&#8217;autre c\u00f4te de la mer\u00ab<\/p><\/div>\n<p>Nach seiner schicksalshaften ersten Begegnung mit Mara fl\u00fcchtet Jean zusammen mit ihr vor ihren Verfolgern. Gepeinigt von Hunger und Durst und angetrieben von der Sorge um die von ihren Br\u00fcdern gejagte Mara durchmisst er mit ihr auf dem Weg zur rettenden Meeresk\u00fcste menschenentleerte Landschaften und ihre Ruinen aus kommunistischer Zeit. Und ganz wie Paolo, der in Pasolinis \u00bbTeorema\u00ab von der Liebe gek\u00fcsst nackt durch die W\u00fcste wandelt, durchquert auch Jean eine verw\u00fcstete Landschaft, zur\u00fcckgeworfen auf sich selbst und sich dank der Zuneigung zu dieser jungen Frau wiederentdeckend. Das ungleiche Paar durchquert das Terrain von alten Industriebrachen und einer aufgegebenen Goldmiene, umgeht dort ihre zahlreichen Durchbr\u00fcche, um schliesslich heil und unversehrt das adriatische Meer zu erreichen. Am Ende steht das Versprechen der Freiheit, nicht nur f\u00fcr die junge Mara, die durch ihre Gebete zu San Antonio magisch gest\u00e4rkt immer noch die Kraft findet, den Widrigkeiten zu trotzen. Auch der alternde Jean findet durch die Zuneigung zu Mara endlich seine Erl\u00f6sung und wieder zur\u00fcck zu den Menschen.<\/p>\n<p>Maillard, ein begeisterter Spazierg\u00e4nger und Baumliebhaber, entdeckte und sch\u00e4tzte Albaniens Landschaften und seine Menschen schon vor den Dreharbeiten. Dies sp\u00fcrt man in seinem Film und zeigt sich am besten in den Leistungen der albanischen Schauspielerinnen und Schauspieler, die es ihm mit ihren bestm\u00f6glichen Leistungen danken. Neben der Strahlkraft der Hauptdarstellerin Kristina Ago, die in Maillards Film ihr Leinwanddeb\u00fct gibt, ist es vor allem die Pr\u00e4senz von Tinka Kurti (Maras Grossmutter), der grossen alten Dame des albanischen Films, und vom finsteren Bruno Shllaku (der Boss), die beeindruckt. Und \u00fcber allem schwebt die vorz\u00fcgliche Filmmusik von Fatos Qerimaj: Sie ist sparsam eingesetzt, aber intensiv, und tr\u00e4gt diesen poetischen und zeitlosen Film an den richtigen Stellen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der gut 60-j\u00e4hrige Maillard in seinem Film gleichsam aus dem Vollen sch\u00f6pft, begn\u00fcgt sich die junge aufstrebende Enddreissigerin Laura Bispuri mit einer \u00e4usserst sparsamen und kontrollierten Filmsprache. Fernab jeglicher italienischer Eloquenz zeichnet die R\u00f6merin in ihrem ersten Spielfilm (bis dahin drehte sie drei Kurzfilme) die innere Welt einer ambivalenten Figur zwischen Frau und Mann, die zuerst als Gefangene ihres Zwiespalts zu verstummen scheint, dann aber in der Wiederentdeckung ihres eigenen K\u00f6rpers in kleinen Schritten wieder zu sich selbst findet. Anders als bei Maillard orientiert sich die Geschichte ausschliesslich an dieser Figur mit Namen Mark (sehr pr\u00e4zise gespielt von Alba Rohrwacher), die als M\u00e4dchen Hana hiess und seit ihrem Schwur vor dem \u00c4ltestenrat ihres albanischen Dorfes das Leben eines Mannes f\u00fchrt. Jahre nach dem Tod von Onkel und Tante, die sich nach dem Ableben der leiblichen Eltern als gestrenge, aber auch liebevolle Adoptiveltern um Hana k\u00fcmmerten und sie aufzogen, sucht Mark mit einem Brief der verstorbenen Stiefmutter im Gep\u00e4ck seine Adoptivschwester und Kusine Lila (Flonja Kodheli) in Norditalien auf, wo sie mit ihrem albanischen Mann und ihrer Tochter in einem einfachen Arbeitermilieu ihr Dasein fristet. Der Kontrast zu seiner modernen Kusine k\u00f6nnte nicht gr\u00f6sser sein, sie: gespr\u00e4chig, betont weiblich und dem Leben zugewandt (sie singt h\u00e4ufig am Abend in einer Bar albanische Lieder), er: wortkarg, mit allen sozialen Attributen eines traditionellen albanischen Mannes versehen (mit Zigarette und Raki in der Hand). Und dennoch verbinden sie eine tiefe Vertrautheit und die gemeinsame Geschichte in den albanischen Bergen.<\/p>\n<div id=\"attachment_1472\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/?attachment_id=1472\" rel=\"attachment wp-att-1472\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1472\" class=\"wp-image-1472\" src=\"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Virgine_giurata_Plakat-595x843.jpg\" alt=\"Filmplakat\" width=\"300\" height=\"425\" srcset=\"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Virgine_giurata_Plakat-595x843.jpg 595w, https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Virgine_giurata_Plakat-768x1088.jpg 768w, https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Virgine_giurata_Plakat-960x1360.jpg 960w, https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Virgine_giurata_Plakat.jpg 1403w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1472\" class=\"wp-caption-text\">Filmplakat<\/p><\/div>\n<p>Lila fl\u00fcchtete damals nach Italien, um ihrer arrangierten Hochzeit zu entgehen und den Mann ihrer Liebe zu heiraten. Hana blieb zur\u00fcck, leistete den Schwur zur ewigen Keuschheit und f\u00fchrte nach dem Tod der Eltern als Mann und Familienvorstand den Haushalt weiter. Die Vorgeschichte der beiden Schwestern wird in R\u00fcckblenden erz\u00e4hlt, die quasi dokumentarischen Charakter haben und einen Einblick geben in das archaische Leben einer vom Kanun bestimmten Dorfgemeinschaft. Man sieht die Trauerfeier f\u00fcr den verstorbenen Vater, wie sich die wehklagenden M\u00e4nner (!) um den Leichnam versammeln und singen (und die Frauen stumm hinter ihnen). Man sieht, wie eine Schwurjungfrau einem Berggeist gleich vorbeigeht, und h\u00f6rt die Erkl\u00e4rung des Stiefvaters, wie er zu Hana im nordalbanischen Dialekt sagt: \u00bbKa ken\u00eb gru, asht ba burrnesh\u00eb\u00ab (\u00bbWar eine Frau, wurde zur Mannfrau\u00ab). Ebenso wird gezeigt, wie Hana ihren feierlichen Schwur zur ewigen Keuschheit vor dem m\u00e4nnlichen \u00c4ltestenrat ablegt und ihr dann mit heiligem Ernst die langen Haare abgeschnitten werden (Bispuri konnte sich dabei auch an aktuellen filmischen Dokumenten zum Ph\u00e4nomen der Schwurjungfrau orientieren, hatte doch die albanische Schriftstellerin Elvira Dones, deren <a href=\"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/?p=1439\"><i class=\"wp-svg-forward-3 forward-3\"><\/i> gleichnamiges Buch<\/a> in Absprache mit Bispuri die Vorlage f\u00fcr das stark adaptierte Drehbuch bildete, einen Dokumentarfilm \u00fcber die letzten Schwurjungfrauen Albaniens gedreht).<\/p>\n<p>Die beobachtende, dokumentaristische Kamera setzt sich dann auch in der Jetztzeit fort, wenn sie Marks beobachtenden Blick zeigt, wie er die neue Welt der jungen Italienerinnen und ihren Alltag zu ergr\u00fcnden versucht. Sein Auge erfasst beispielsweise einmal eine Gruppe von hibbeligen, leicht bekleideten und stark geschminkten Teenies, die durch die n\u00e4chtlichen Gassen stolpern, oder wiederholte Male die Synchronschwimmerinnen in ihrem Training, wie sie sich Abend f\u00fcr Abend dem Diktat weiblicher Perfektion beugen.<\/p>\n<p>Das Hallenschwimmbad mit seinen fast nackten K\u00f6rpern und seinem omnipr\u00e4senten Fluidum Wasser ist denn auch Hanas Ort der Erweckung. Hier \u00fcbt Lilas Tochter (Emily Ferratello) mit anderen jugendlichen Synchronschwimmerinnen die Figuren ein. Anfangs noch mit ihren M\u00e4nnerschuhen v\u00f6llig deplatziert auf einem Startblock stehend gew\u00f6hnt sich Hana bald an die neue Umgebung. Sie begleitet ihre Nichte regelm\u00e4ssig ins Training und findet im Bademeister (Lars Eidinger) ihr Gegenst\u00fcck. In seiner n\u00f6rdlichen Erscheinung scheint er beinahe ebenso fremd zu sein wie Hana und auch wortlos ihr Problem zu erkennen, denn er verhilft ihr (in einer grotesken Weise), sich als sexuelles Wesen zu entdecken. Hanas Verwandlung und Befreiung ist danach unumkehrbar, sie l\u00f6st zu Hause in ihrer neuen Wohnung ihre juckende Brustbinde, die ihr seit Jahren den Atem nimmt\u00c2\u00a0\u201d\u00a6<\/p>\n<p>Wer nach knapp 90 Minuten eine Fortsetzung dieser Befreiungsgeschichte erwartet, wird allerdings entt\u00e4uscht, denn schon bald nach diesem Wendepunkt endet der Film. Auch die sorgf\u00e4ltigen statischen Einstellungen und die edle und reduzierte Farbskala von Weiss, Grau, Blau bis Gr\u00fcn, die das erkaltete Innenleben der Hauptfigur widerspiegelt, erfahren keine Dynamisierung mehr. Hier muss man denn auch den einzigen Kritikpunkt an diesem an sich so \u00fcberzeugenden Film ansetzen. Es fehlen gut 20 Minuten, um dieser reduzierten \u00c4sthetik auch das n\u00f6tige Gewicht zu verleihen. Wie sch\u00f6n w\u00e4re es zu sehen, wie sich Hanas Bewegungen noch etwas l\u00f6sten, sich ihre Schatten noch etwas lichteten \u201d\u00a6<\/p>\n<p>Sicherlich hat Albanien als Filmland noch mehr zu bieten als eine archaische Kulisse und Geschichten von Armut und Unterdr\u00fcckung, blickt das Land doch zur\u00fcck auf eine reiche Kinotradition und, angesichts aufstrebender junger albanischer Filmschaffender, auch auf eine vielversprechende Zukunft. Mit dem aktuellen Albanian Cinema Project des staatlichen Filmarchivs, das mehr und mehr auch in Westeuropa wahrgenommen wird und mit der Lancierung von \u00bbBota\u00ab (einem Spielfilm von Iris Elezi und Thomas Logoreci) f\u00fcr die vergangenen Oscarnominationen scheint nun Bewegung in den albanischen Film zu kommen. Die albanisch-schweizerischen Koproduktionen \u00bbVergine giurata\u00ab und \u00bbDe l\u201d\u2122autre c\u00f4t\u00e9 de la mer\u00ab sind ein gelungener Teil dieser Aufw\u00e4rtsbewegung und lassen auf eine weitere Zusammenarbeit der beiden Filml\u00e4nder hoffen.<br \/>\n<span class=\"embed-youtube\" style=\"float:right; width:400px; height:225px; margin-left:10px; margin-bottom: 10px; display: block;\"><iframe loading=\"lazy\" class=\"youtube-player\" width=\"400\" height=\"225\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/pUfVnfx8oKI?version=3&#038;rel=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;fs=1&#038;hl=de-DE&#038;autohide=2&#038;wmode=transparent\" allowfullscreen=\"true\" style=\"border:0;\" sandbox=\"allow-scripts allow-same-origin allow-popups allow-presentation allow-popups-to-escape-sandbox\"><\/iframe><\/span><\/p>\n<h4>\u00bbVergine giurata\u00ab<\/h4>\n<p>Laura Bispuri; CH: Bord Cadre films, AL: Erafilm Productions, u.a., 2015.<br \/>\nSeit dem 1. Februar in der Romandie, seit 10. M\u00e4rz in der Deutschschweiz.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.cineman.ch\/movie\/2015\/VergineGiurata\/cinema.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b class=\"wp-svg-clock clock\"><\/b> Spielzeiten auf cineman.ch<\/a><\/p>\n<span class=\"embed-youtube\" style=\"float:right; width:400px; height:225px; margin-left:10px; margin-bottom: 10px; display: block;\"><iframe loading=\"lazy\" class=\"youtube-player\" width=\"400\" height=\"225\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Y1GrSjdzxAE?version=3&#038;rel=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;fs=1&#038;hl=de-DE&#038;autohide=2&#038;wmode=transparent\" allowfullscreen=\"true\" style=\"border:0;\" sandbox=\"allow-scripts allow-same-origin allow-popups allow-presentation allow-popups-to-escape-sandbox\"><\/iframe><\/span>\n<h4>\u00bbDe l&#8217;autre c\u00f4t\u00e9 de la mer\u00ab<\/h4>\n<p>Pierre Maillard; CH: CAB Productions, Zoofilms, u.a., 2015.<br \/>\nAb dem 20. April in der Romandie, ab dem 21. April in der Deutschschweiz.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.cineman.ch\/movie\/2015\/DeLautreCoteDeLaMer\/cinema.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b class=\"wp-svg-clock clock\"><\/b> Spielzeiten auf cineman.ch<\/a><\/p>\n<p>Ein Filmprogramm des <strong>Albanian Cinema Project<\/strong> und des Albanischen Filmarchivs wird<br \/>\ndemn\u00e4chst am Internationalen Dokumentarfilmfestival \u00bbCin\u00e9ma du r\u00e9el\u00ab im Pariser <em>Centre<\/em><br \/>\n<em>Pompidou<\/em> vom 18. bis zum 27. M\u00e4rz dieses Jahres vorgestellt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die albanisch-schweizerischen Filmproduktionen \u00bbDe l&#8217;autre c\u00f4t\u00e9 de la mer\u00ab und \u00bbVergine giurata\u00ab an den Solothurner Filmtagen 2016.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1474,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2}},"categories":[8,27,5],"tags":[286,191,156,157,86],"class_list":["post-1458","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-history","category-treffen-der-kulturen","category-events","tag-eingeschworene-jungfrauen","tag-emigration","tag-film","tag-kanun","tag-schweiz"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Virgine-giurata.jpg","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1458","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1458"}],"version-history":[{"count":27,"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1458\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2534,"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1458\/revisions\/2534"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1474"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1458"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1458"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albanien.ch\/une\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1458"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}