Sechs Jahre später und wir haben ein neues Kochbuch:
Albanien. Das Kochbuch: Wo mediterrane Frische auf orientalische Vielfalt trifft
Bücher taugen meist nichts, wenn ihre Autoren nur zehn Tage in Albanien verbracht haben. An diesem Weihnachtsgeschenk habe ich aber doch schnell Gefallen gefunden.
Das liegt an drei Umständen. Erstens ist der Autor Thomas Ortler nicht nur ein erfahrener Gastronom und Spitzenkoch im Südtirol, sondern auch studierter Historiker, der die Sachen richtig einordnen kann und nicht einfach Halbwissen nachplappert. So entsteht auch eine frische, unbeeinflusste Sicht auf historische Entwicklungen, die in Albanien wohl manches Stirnrunzeln hervorrufen würden. Zudem beansprucht Ortler auch nicht, alles zu wissen. Zweitens genossen die Autoren viel Freiheit. Und zu guter letzt: Manch einer dürfte überrascht sein über dieses »Kochbuch«.
Der Titel
»Albanien. Das Kochbuch« lässt eine umfassende Sammlung traditioneller albanischer Rezepte vermuten. Der letzte Satz auf der Rückseite des Umschlags deutet aber an, dass das hier nicht ein herkömmliches Kochbuch ist: »Ein Kochbuch, das weit mehr ist als eine Rezeptsammlung – es ist ein kulinarisches Roadmovie […].« Ortler und der Fotograf Udo Bernhart reisten im Dezember 2024 zehn Tage durch Albanien, von Leskovik im Süden bis Valbona im Norden, von Restaurant zu Restaurant. Sie schauten den Köchen über die Schultern, in die Töpfe – und tauschten sich aus über die Kochkunst.
Entstanden ist eine Art Reisebericht, der stark an Jörg Dauscher erinnert. Im Buch finden sich im Sinne eines Protokolls all die Rezepte der Speisen, die sie auf dieser Reise gegessen haben. Dazu gehören genauso traditionelle albanische Speisen wie auch Pasta- oder Fleischgerichte, die nicht besonders albanisch sind. Auch ein paar Rezepte von Speisen, die Ortler in den Küchen seiner albanischer Kolleginnen und Kollegen mit lokalen Zutaten zubereitet hat, sind dabei. Und am Schluss finden sich 20 Rezepte, wo Ortler albanische Gerichte angepasst hat, damit sie einfacher von den deutschsprachigen Lesern mit den hier erhältlichen Zutaten nachgekocht werden können.
Ortler schildert in seinem Bericht und den Rezepten die albanische Kochkultur ausführend, würzt mit Einblicken in die Geschichte und den Alltag unterwegs. Er weiss, dass kaum jemand über Wochen einen besonderen Joghurt im selbstgemachten Ziegenhautbeutel produzieren wird. Trotzdem kriegt diese traditionelle Speise eine Doppelseite. Das zeugt von einer weiteren Besonderheit dieses Buches: Da ist kein Verlag, der die Autoren in ein enges Korsett zwängt, sondern ihnen Raum lässt für die vielen Fotos von Berhart, den Text mit all seinen Ausschweifungen und den extravaganten Rezeptideen. Der Text liest sich gut – das Nachkochen der Rezepte ist hingegen eher etwas anspruchsvoller – und führt auch in abgelegene Regionen: zu den Truthähnen der Dumreja, in die Zagoria und nach Zhulat in den Bergen Südalbaniens, zu Ramas Lieblingskoch für Staatsempfänge in Korça und zu einem Ziegenkopf in einem kleinen Restaurant am Strassenrand in Nordalbanien, wo man zufällig Halt gemacht hat. Halt gemacht wurde auch im Mrizi i Zanave und in der Farma Sotira. Es ist beeindruckend, welche Fülle an Erfahrungen und Eindrücken auf diesem kurzen Roadtrip gesammelt wurde. Dass dabei nur wenig inhaltliche Fehler auftauchen (wie die Verwirrung durch zwei gleichnamige Orte, so dass bei Poliçan in der Zagoria die Geschichte von Poliçan in Skrapar erzählt wurde), ist mehr beeindruckend als schlimm.
Das Kochbuch ist keine vollständige Übersicht traditioneller albanischer Gerichte (Flia wird beispielsweise nicht erwähnt), sondern einfach die Rezeptsammlung einer Reise – ein repräsentativer Querschnitt, angereichert durch einen unterhaltsamen Reisebericht, der schöne Einblicke in die albanische Essenskultur bietet und sich auch gut lesen lässt, ohne dass man plant, am gleichen Tag ein reichhaltiges albanisches Essen aufzutischen.
