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Meine Durchquerung der nordalbanischen Alpen im April 1914

1914, in der kurzen »friedvollen« Zeit zwischen Balkankriege und dem Ersten Weltkrieg, machte sich der Zürcher Dr. C. Täuber auf, den westlichen Balkan zu erkunden. Auf albanisches Territorium stiess er leider nicht vor, aber seine Erkundigung des Gebiets zwischen den »Straßen den großen Weltverkehrs« (die Dampferlinie in der Adria und die macedonische Bahnlinie zwischen Belgrad und Skopje) in den Albanischen Alpen und Kosova (das er Oberalbanien nennt) zeigen ein eindrückliches Bild des von 500 Jahren türkischer Herrschaft geprägten rückständigen Balkans. Es zeigt uns vor allem auch das Bild, das Europa im Jahr 1 des unabhängigen albanischen Staats von den Albanern hatte.

Täuber und sein Berggefährte Gloggengiesser reisten von Kotor über Cetinje nach Podgorica, besuchten das benachbarte Albanerdorf Tusi, reisten über Kolašin und Andrijevica nach Plav. Von dort überquerten sie den Çakor-Pass nach Peja, durchquerten das Rrafsh i Dukagjinit bis Prizren und fuhren dann nach Skopje.

In Plav gelangte die Reisegesellschaft erstmals in ein von Albanern bewohntes Gebiet. Täuber nutze die Gelegenheit, um die albanischen Bewohner der Berge ausführlich zu beschreiben.

Malissoren ist der Sammelname all der verschiedenen Stämme, die in den nordalbanischen Bergen hausen. Malcija heißt das Bergland; Maja (Mehrzahl »Mali«) oder Tschaffa ist die allgemeine Bezeichnung für »Berg«. (Mali Hotit sind die Berge des Stammes Hoti, Malcija Leschit das Bergland von Lesch oder Alessio.)

Mit dem Albanischen scheint er es nicht so zu haben. Aber die folgenden Ausführungen zeigen doch ein Bild der damaligen Verhältnisse.

Jeder Stamm lebt vollständig für sich, gibt sich seine eigenen ungeschriebenen (Schulen bestehen ja keine!) Gesetze: das alte Herkommen oder »Adet«, und anerkennt keine Herrschaft. Alles wie im grauesten Altertum. Das bißchen Kultur ist durch Berührung mit der nächsten Außenwelt gekommen; so wurde der eine Stamm mohammedanisch, der andere orthodox, der dritte katholisch, je nach der Nachbarschaft oder dem einstigen Geschmack des Clan-Oberhauptes oder Patriarchen. Es hat also auch jeder Stamm seine eigene kleine Geschichte und oft seine eigenen Gebräuche. Die nach den Bestimmungen des Londoner Friedens zu Montenegro geschlagenen Stämme sind die Hoti bei Tusi, die angrenzenden Gruda, Kotschaj und Trjepschi. … Die Hoti nähren sich von Viehzucht, in der Ebene des Zemflusses von Ackerbau und an den Buchten des Skutarisees, am Ličenj (»See«) Hotit von Fischfang. Durch ihre Tüchtigkeit in den Kriegen gegen die Türkei, gegen Montenegro und Venedig gewannen sie den ersten Rang und das Vorrecht, auf dem linken türkischen Flügel zu kämpfen und dreifache Rationen beziehen zu dürfen.

Natürlich äussert er sich auch zur Blutrache, dem Gesetz der Berge:

Das uralte Gesetz der Blutrache, das einzige, welches die Leute vor allerei Ausschreitungen bewahrt, dezimierte die Stämme oft entsetzlich. Es gibt Fälle, wo 70 und mehr Prozent der Todesursachen auf die Blutrache zurückzuführen sind. So hatten Gussinje und Plawa besonders viel von den westlichen Nachbarn zu leiden, den mächtigen Klementi [Kelmendi], welche von dem geflüchteten Venezianer »Abbate« Klement abstammen sollen und wieder in verschiedene Unterstämme zerfallen. Die Klement bewohnen eine öde, steinige Gegend und sahen sich zu fortwährenden Raubzügen gezwungen. Bekanntlich war dies früher auch bei den Montenegrinnern der Fall, wo vor ihrer Zivilisierung durch den jetzigen König und seinen Onkel die Lebensverhältnisse sehr viel Ähnlichkeit mit Nordalbanien aufwiesen.

In den Bergen südlich von Gussinje und Plawa wohnen die wilden Nikaj mit über 400 waffenfähigen Männern; in den Bergen westlich von Dschakowitzadie Gaschi, welche durchwegs Mohammedaner sind und mit zwei Barjaks 800 Bewaffnete ins Feld stellen.

Eher überraschend kommt da der Verrgleich mit der schweizerischen direkten Demokratie.

Diese sind zusammen die Plekjte, d. i. die »Ältesten«, und bilden die Pletschenia, den »Rat«. Allgemeine Angelegenheiten (Entscheidungen über Krieg oder Frieden und Gesezesänderungen) müssen indessen der Volksversammlung (Kuvént, italienisch Covento) vorgelegt werden, welche regelmäßig im Frühjahr oder Herbst stattfindetund über den Zeitpunkt der Alpauffahrt und Heimkehr Beschluß faßt. Der Vorgang anläßlich der Volksversammlung entspricht ungefähr dem an unsern Landsgemeinden. Nichterscheinen zieht Strafe nach sich (2–4 Schafe).

Auch die Lebensumstände werden beschrieben.

Die Hütten der Malissoren sind sehr primitv aus Stein, Holz oder Stroh erstellt mit nur einem schmutzigen Erdgeschoß, ohne Tisch noch Stuhl. Im Sommer schläft man im Freien, im Winter hüllt man sich in eine Wolldecke. Ein Stein dient als Herd; man ißt aus der Hand und trinkt Flüssigkeiten aus einem Holzlöffel. Maisbrot, Milchspeisen und Kräuter bilden die Hauptnahrung, Schaffleisch mit Reis nur bei Anwesenheit von Gästen. Der Raki wird in großen Quantitäten getruken, Wein nur an Festtagen.

Das Ehrgefühl ist ebenfalls, wie bei den Montenegrinern, sehr stark entwickelt. Die Bessa, das gegebene Wort, wird unverbrüchlich gehalten. Die Gastfreundschaft ist so heilig wie in Montenegro. Die Malissoren sind tapfer und kühn, aber ungleich den Montenegrinern keine guten Schützen. Der Schädel wird meist glatt rasiert undmit einer kleinen weißen Kappe, dem Tschulat, bedeckt. Die Hosen sind lang, aus graugelber Schafwolle verfertigt und mit breiten schwarzen Passepoils versehen. Den Leib bedeckt eine nicht überall gleiche ärmellose Wolljacke. Als Fußbekleidung dienen wie in Montenegro die Opanken.

Krasser Aberglaube herrscht bei dem völlig ungebildeten Volke. Die Frau wird um einige hudert Franken verkauft; ihre Stellung ist die eines Haus- und Lasttieres. Dagegen wird sie als Mutter geschätzt, und zwar umso mehr, je mehr Kinder sie bringt. Die Mädchen hüten die Herden, spinnen die Wolle und weben die groben Stoffe. Verschleierung ist auch bei den mohammedanischen Malisorinnen nicht Sitte. Die Heiratszeremonien sind sehr umständlich. Das wichtigste Fest ist das des Hauspatrons, die serbische Slawa.

Kein Wunder, waren die damaligen Reiseführer nicht des Lobes für dieses Land. Täuber meint aber, dass sich die »Gebirgspracht« am Çakor-Pass und insbesondere in der Rugova-Schlucht »mit vielen unserer Alpentäler messen« dürfe. Deswegen werden auch die »Touristenhandbücher … davon sprechen müssen«. Im »Gebiet der wilden Bewohner von Rúgowo« kehrten sie drei Stunden von Peja entfernt in den Han Jussuf ein.

Ein Albaner kredenzt den unvermeidlichen Kaffee und Raki. … Wer hier zu nächtigen gezwungen ist, muß mit dem Fußboden vorliebnehmen.

Wieder kommt Täuber auf die Schlafsitten der Albaner zu sprechen.

… zieht wie ein unversieglicher Stom Karawane an Karawane vorüber, und bereits hat der drohende regen eingesetzt, der sich fortwährend verstärkt. Wo übernachten nur all diese gegen Plawa ziehenden Albaner mit ihren rotjackigen, kurzgeschürzten, rotweißhosigen und rotstrümpfigen, kleingewachsenen und rasch gealterten Weibern, die noch unterwegs zur traglast die Spindel drehen? Die Antwort lautet einfach: auf dem bloßen Erdboden, trotz dem Regen. Fast klingt es wie ein Märchen aus alten Zeiten. Immer und immer muß ich an diesen überraschenden vorweltlichen Säumerzug denken. Grußlos zieht alles nebeneinander vorbei durch den Regen und Schmutz. Der aufmunternde Albanerruf an das Pferd: Hajdi (»geh!«) und das Klappern der Hufe auf dem schlüpfrigen Fels sind die einzigen Laute in dieser wilden Jagd.

Das Kloster in Deçan, das die Schweizer Reisenden in den nächsten Tagen besuchten, schien schon damals Ort von Auseinandersetzungen gewesen zu sein:

Auch gegenwärtig beherbergt es ein Detachement Soldaten, um jeglichen Überfall der in dieser Gegend besonders wilden räuberischen Albanerstämme zu wehren.

Auch wenn der Kontakt mit Albanern nicht einfach gewesen zu sein scheint, machte Täuber durchaus auch seine positiven Erfahrungen, als er allein nach Gjakova unterwegs war:

In der Nähe des Dorfes Kraj stieß ich mit einem berittenen Albaner zusammen, dessen Pferde große Säcke mit köstlichen Gemüsen trugen. Ich rechnete richtig darauf, daß er Handelsmann sei, der seine Ware auf den Markt der Hauptstadt bringe. Darum folgte ich dicht hinter ihm. Obschon wir miteinander nicht sprechen konnten, entspann sich doch eine Art gegenseitigen Zutrauens. Wenigstens bemerkte ich bald, daß er beim Reiten etwas vor sich hin drehte mit den Händen, es zusammenklebte, anzündete und mir freundlich rückwärts reichte. Es war die Friedenszigarette! So ritten wir lange schweigend durch die üppige Landschaft, von strahlender Sonne beschienen, im Angesicht der schneebdeckten Bergketten; es war eine Lust. Ich wünschte Versöhnung und Ruhe auf die unglücklichen Albaner hernieder. … Allmählich zeigten sich die Spitzen von Minarets, und deutlicher trat das Häusergewirr von Dschakowa, serbisch Dschakowitza, hervor. Der Kaufmann schwenkte mit Abschiedsgruß in eine Seitengasse hinein, ich durchritt auf dem holprigen Straßenpflaster die langen Zeilen der niedrigen Verkaufsbuden vom Nordende der ausgedehnten Stadt bis zu ihrem Südenede, als allein reisender Fremdling angestaunt von den Bewohnern.

Auszüge aus: C. Täuber: »Meine Durchquerung der nordalbanischen Alpen im April 1914« publiziert im »Jahrbuch des Schweizer Alpenclub«, 50. Jahrgang 1914 und 1915

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