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Archiv für April 2010
Freitag, 30. April 2010
Krieg und Propaganda gehören untrennbar zusammen. Mit untenstehendem Bild »Unser Einmarsch in Albanien« haben die Österreicher 1916 den Einmarsch ihrer K&K-Truppen in Albanien zu rechtfertigen versucht: Albanien, dargestellt durch eine junge Frau in Tracht, fällt dem österreichischen Soldaten fröhlich in die Arme. Die Italiener ziehen im Hintergrund von dannen. Schön, wenn Krieg immer so friedlich wäre wie hier dargestellt.

Ob der Österreicher wirklich »der Rechte« war, wie die Bildunterschrift behauptet, sei dahingestellt. Wirklich gross war der Widerstand der Albaner gegen die Österreicher nicht. Denn den meisten Albanern dürften diese Besatzer lieber gewesen sein als die serbischen, griechischen, montenegrinischen und italienischen Nachbarn, die alle versuchten, ein Stück Albanien ihren Ländern einzuverleiben. Trotzdem hätten die meisten Albaner damals wohl doch lieber ihre Unabhängigkeit zurück gehabt. Aber das sollte noch ein paar Jahre dauern.
Schlagworte:1. Weltkrieg, Österreich, Erster Weltkrieg, K&K, Karikatur Veröffentlicht in Bilder, Geschichte & Kultur | 1 Kommentar »
Donnerstag, 15. April 2010
Mir ist zufällig ein Artikel von Cafébabel vom letzten Sommer wieder in die Finger gekommen. Dort steht, dass Deutschland in den letzten 20 Jahren mehr als € 800 Millionen in die Entwicklungszusammenarbeit für Albanien gesteckt hätte. Das sei – pro Kopf im Empfängerland – mehr als für sonst ein Land auf der Welt. Ob das stimmt, weiss ich nicht. Jedenfalls hat Albanien sicherlich viel Entwicklungshilfe erhalten – nicht nur aus Deutschland. Und das Land hat sich auch rasant entwickelt und verändert. Leider nicht immer zum Guten. Das Bruttoinlandprodukt sei jedenfalls von US$ 654 im Jahr 1990 auf über US$ 4000 gestiegen, schreibt Cafébabel. Und während damals praktisch noch jeder in Albanien ums Überleben, ums tägliche Brot und Heizmittel kämpfen musste, gelten heute nur noch rund ein Achtel der Bevölkerung als arm, schreibt die Weltbank. Aber vor allem in den ländlichen Gebieten und in den Bergen ist die Armut noch viel grösser als im Wirtschaftszentrum Tirana.
Schlagworte:Armut, Bruttoinlandprodukt, Deutschland, Entwicklung, Entwicklungshilfe Veröffentlicht in aufwärts – Projekte und Wirtschaft | 3 Kommentare »
Dienstag, 6. April 2010
Tiranas zentraler Platz, der den Namen des Nationalhelden Skanderbeg trägt, müsste den Eindruck erwecken, die Zentrale der Macht in Albanien zu sein: Mitten in Tirana, umgeben von Ministerien und anderen Prunkbauten, im Herzen der albanischen Wirtschaftsmetropole, der Hauptstadt und des kulturellen Zentrums des Landes.
Alles andere als diesen Eindruck erlangte, wer in den letzten Jahren auf dem Skanderbeg-Platz stand oder mit dem Auto darüber fuhr. Während ganz Tirana in neuem Glanz erstrahlte – nicht nur die Hauptstrassen wurden neu asphaltiert, sondern auch Häuser, Parks, Gehsteige und Plätze erhielten ein frisches Gesicht –, nahm die Qualität des Strassenbelags auf dem Skanderbegplatz laufend ab. Die Fahrt über den Platz ist ein grauenhaftes Geholpere und auch sonst strahlt der Platz wenig Pomp aus.
Der Grund für die Stagnation liegt einerseits in Plänen der sozialistischen Stadtverwaltung Tiranas, die Innenstadt von Tirana komplett umzugestalten, andererseits in den politischen Verhältnissen im Land. Denn die Regierung Albaniens von der konkurrierenden Demokratischen Partei möchte sich selber ein Denkmal setzen und verhindert, dass die Stadtverwaltung mit den Bauarbeiten beginnen kann. Edi Rama – Bürgermeister von Tirana und ehemaliger Künstler – plant nicht nur die Erneuerung des Skanderbegplatzs, sondern möchte auch die nähere Umgebung mit diversen schlecht genutzten Flächen miteinbeziehen und dem Platz durch diverse hohe Bauten im Hintergrund mehr Würde verleihen.
Nach langem Zuwarten hat die Stadtverwaltung jetzt mit den Bauarbeiten begonnen (Bilder auf Facebook von Alket Islami). Die Landesregierung hat dagegen sofort Einspruch erhoben und die Stadt Tirana gebüsst: 2 Millionen Lek – rund 20’000 Franken – soll die Stadt bezahlen, weil keine Umweltverträglichkeitsprüfung vorliege.
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Skanderbegplatz – Bauarbeiten im April 2010
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Skanderbegplatz – Pläne für eine Neugestaltung
Schlagworte:Baustelle, Entwicklung, Politik, Skanderbeg-Platz, Strassen, Tirana Veröffentlicht in Aktuelles aus Albanien, aufwärts – Projekte und Wirtschaft | Kommentare geschlossen
Sonntag, 4. April 2010
Die dritte Ausgabe der albanischen Fassung von »Big Brother« hatte Proteste von zahlreichen Einwohnern in Lezha zur Folge. Die Geschichte ist zwar schon drei, vier Wochen alt, aber darf hier nicht fehlen. Leider bin ich nicht früher dazu gekommen, darüber zu berichten.
 Klodian Çelo (Bild: Top Channel)
Bei der aktuell im albanischen Sender »Top Channel« laufenden Staffel von »Big Brother« ist Klodian einer der Teilnehmer. »Klodi« ist 1993 nach Italien ausgewandert und lebt heute in Mailand. Der 35-Jährige stammt ursprünglich aus Lezha, dem regionalen Zentrum zwischen Tirana und Shkodra. Mitte März verlas er in der Fernsehsendung einen Brief an seine Mutter, in dem er erklärte, dass er schwul sei. Klodians Bekenntnis gilt als erstes öffentliches Coming-out Albaniens, wo vor 20 Jahren Homosexualität noch strafbar war.
Noch heute ist Homosexualität in der albanischen Gesellschaft tabu. Schwule und Lesben bekennen sich meist auch gegenüber ihrer eigenen Familie nicht dazu, weil ihnen heftige Diskriminierung droht. Auch ein soeben in Kraft getretenes Antidiskriminierungs-Gesetz und der gescheiterte Versuch von Premierminister Berisha im letzten Herbst, die gleichgeschlechtliche Ehe einzuführen, ändern an der Haltung der Gesellschaft kaum was. Ein schwuler Albaner erklärte gegenüber einer amerikanischen Homosexuellen-Zeitschrift, dass die Abneigung vor allem daraus erwachse, dass die Albaner schlecht informiert seien. Albaner seien allgemein schlecht informiert über Sexualität, meinte er.
Während die gleichgeschlechtliche Ehe am Widerstand religiöser Würdenträger scheiterte, wurde Klodi nach seinem Outing Gegenstand hitziger Diskussionen und in seinem Heimatort Lezha gingen viele protestierend auf die Strasse. Sie distanzierten sich öffentlich von Klodi: Er sei keiner von ihnen, er sei nicht in Lezha schwul geworden, er sei erst nach seiner Geburt zugewandert. Es war den Demonstranten wichtig zu sagen, dass es »im sauberen Lezha« keine Schwulen gäbe. Unterstützung erhielt Klodi hingegen von ausländischen Botschaftern, die sich öffentlich für eine vorurteilsfreie Gesellschaft stark machten.
Klodis Coming-out dürfte viele Albaner überrascht haben, aber vermutlich auch eine erdrutschartige Veränderung in der Wahrnehmung von Homosexualität zur Folge haben. Viele Albaner verstanden trotzdem nicht, dass der schwule Klodi nicht aus dem Big-Brother-Container abgewählt wurde. Letzendlich dürfte der anonyme Albaner aus der amerikanischen Schwulen-Zeitschrift doch recht haben: Nicht nur Homosexualität, sondern auch viele andere Aspekte der Liebe sind in Albanien tabu und unbekannt. Dazu gehören auch grundlegende Aspekte, wie die albanische Sängerin Alida Hisku in ihrer Autobiographie offenbarte. Die im kommunistischen Albanien zuerst gefeierte, später verfolgte Sängerin musste ebenfalls Albanien verlassen, um – als Mutter von zwei Kindern – zu lernen, dass auch Frauen Spass an Sex haben können.
Schlagworte:Aufklärung, Big Brother, Coming-out, Gleichgeschlechtliche Ehe, Homosexualität, Lezha, Proteste, Sexualität, Vorurteil Veröffentlicht in Aktuelles aus Albanien, Alltag, Geschichte & Kultur | 3 Kommentare »
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