- albanien.ch Home
-
albanien.ch

AlbInfo
News
Veranstaltungen
Forum
S'ka problem!
newsletter Albanien
Homgepages
Suchen


Archiv für Juni 2009

Luftfahrtgeschichte umgekehrt

Donnerstag, 25. Juni 2009

Albanien hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt – nebst vielen anderen Bereichen insbesondere auch in der Luftfahrt. Auch dort kamen entscheidende Impulse aus dem Ausland. Aber in den meisten Bereichen sind es vor allem Albaner, die die Sachen zum Rollen brachten. Die Ansätze der 90er Jahre, als man glaubte, in Albanien mit Entwicklungshilfe und etwas Wirtschaftshilfe die Dinge zum Guten wenden zu können, sind längst überholt. Nebst grosser ausländischer Finanzhilfen sind es insbesondere albanische Geschäftsleute, die die Entwicklung vorantreiben.

Auch die albanische Luftfahrt wird schon längst nicht mehr nur von ausländischen Airlines bestimmt. Grösster Kunde am Flughafen Tirana ist die noch junge albanische Billigairline »Belle Air«, die die albanische Hauptstadt mit Prishtina und vielen Orten in Italien verbindet.

Als Albanien noch kommunistisch war, verfügte das Land über keine eigene Airline. Lange wurde Tirana nur von Airlines aus anderen sozialistischen Staaten angeflogen. Bis anfangs Mai 1986 die Swissair als erste westliche Airline den Flugbetrieb nach Tirana aufnahm. Die zu Beginn mit kleinen Saab-Citylinern der Crossair bediente Strecke, die zwei Mal wöchentlich bedient wurde, schien von Anfang an gut nachgefragt zu sein, wie die »Albanischen Hefte« damals berichteten. Schon damals versuchte die Airline ihren Kunden Albanien als Reiseland schmackhaft zu machen. Geschäftsreisende galten ebenfalls zum angepeilten Publikum. Im kleinen Flughafen von Tirana, wo pro Tag kaum eine handvoll Flüge abfertigt wurden, lief man noch zwischen Palmen und Blumenbeeten vom Flugzeug zum Terminal.

First Mail Flug SR 458

First Mail vom Flug SR 458 Zürich-Tirana am 4. August 1986

In den 90er Jahren entwickelte sich die Route nach Albanien immer schneller. Die Frequenzen wurden laufend erhöht, die Nachfrage war kaum zu decken. Die Swissair genoss bei den flugreisenden Albanern einen ähnlich hohe Achtung wie Mercedes bei den albanischen Autofahrern. Tirana blieb dabei eine abenteuerreiche Destination, von der viele Geschichten zu hören waren: Co-Piloten mussten an heissen Tagen vor dem Start Asphalt-Stücke von den Flugzeugreifen kratzen. Die Stewardessen sollen wegen allzu vielen anzüglichen Fluggästen nur für diese Destination eine Uniform mit Hosen gekriegt haben. Irgendwann wurde nur noch mit kleinen Jumbolinos geflogen, da diese die Triebwerke höher hatten, was weniger Gefahr durch Verdreckung auf der Piste barg. Und auch von Durchstartmanövern wegen Schafen auf der Piste war die Rede. Ein Freund konnte den Anflug einer Maschine aus Zürich im Tower miterleben: Der Swissair-Pilot hatte vom Fluglotsen die Landegenehmigung erhalten, war aber entgegen dessen Anweisung, die er für wenig sinnvoll erachtete, von der anderen Richtung gelandet. 1999 stellte die Swissair wie alle anderen ausländischen Airlines die Flugverbindung für einige Monate ein, als das amerikanische Militär während des Kosovokriegs das Zepter am Flughafen Tirana übernahm und diesen zu einer militärischen Festung verwandelten.

Verändert haben sich zwischenzeitlich nicht nur der Flughafen Tirana. Aus dem 50er-Jahre-Bau mit bescheidenster Infrastruktur ist ein kleiner, sehr feiner Airport mit modernster Infrastrukt und internationalen Standards unter deutschem Management geworden. Die Erfolgsgeschichte der Swissair nahm hingegen im Herbst 2001 ein abruptes Ende. Ein halbes Jahr lang flog die Nachfolgerin »Swiss« noch nach Tirana, bevor sie die Verbindung von Zürich einstellte. Weil fast alle Passagiere in Zürich umstiegen und zu anderen europäischen Destinationen oder nach Übersee weiterflogen, habe die Strecke Zürich-Tirana nicht rentiert.

Die »Albanischen Hefte« bezeichneten den Swissair-Flug 1986 als »erstklassige Verbindung«. Schweizer Flugreisende mussten ab 2002 darauf verzichten und in Wien, Budapest, Ljubljana oder Mailand umsteigen. Später kam noch München als weitere Variante hinzu, während Alitalia keine verlässlichen Flüge mehr anbot. In diese Lücke sprangen die Albaner mit ihren frisch gegründeten Fluggesellschaften – wobei zu hoffen ist, dass zumindest die jüngste albanische Airline weiter auf ihrer Erfolgswelle reiten kann und nicht bald ein ähnliches Schicksal erleidet wie die anderen, zum Teil beendeten, zum Teil seit Jahren kränkelnden Projekte.

Nach zahlreichen Destinationen in Italien, wo mehrere Hunderttausend Albaner leben, fliegt Belle Air seit gestern auch nach Zürich. Ob die vier Verbindungen pro Woche auch im Winterhalbjahr angeboten werden, ist noch offen. Ob eine Nachfrage in diesem Ausmass besteht, um wöchentlich vier Jumbolino-Flüge füllen zu können, ist auch fraglich. Es leben zwar viele Albaner in der Schweiz, aber die meisten stammen aus Kosovo oder Mazedonien und werden nicht nur in Albanien Urlaub machen wollen. Und die Schweizer sind noch immer sehr skeptisch, wenn es um Urlaub in Albanien geht – und noch skeptischer, wenn es um albanische Airlines geht, wie erste Reaktionen zeigten.

Auch ich werde vorerst kein Belle-Air-Kunde. Meine nächste Flugreise nach Albanien hatte ich schon gebucht, als ich von der neuen Verbindung erfahren hatte.

Belle Air am Flughafen Tirana

Belle Air am Flughafen Tirana

Albanien ist kein Thema

Mittwoch, 17. Juni 2009

Blogger David Herzog beklagt sich, dass sich die Leser von seinem Blog »Substanz – Substanzielles aus Politik und Medien« kaum für sein Beitrag über Albanien interessierten. Das Interesse an Weltgeschehen rund um Albanien, das dazgehören möchte, aber nach Ansicht von David Herzog Europas letztes Entwicklungsland sei, sei anscheinend in der Schweiz noch sehr gering.

Schade – meine ich ebenfalls. Liegt wohl daran, dass die meisten Schweizer Mühe haben, Albaniens Nachbarländer aufzuzählen, dafür Hunderte von schlimmen Geschichten über Albaner berichten können. Albanien wird halt oft nur mit Vorurteilen verbunden und wohl nicht immer ernst genommen.

>> Albanien – ein Nicht-Thema

Unbedingt planlos reisen

Samstag, 13. Juni 2009

Der Sommer steht bevor und damit auch die allgemeine Reisezeit. Immer mehr Touristen besuchen Albanien. Reisen ist in Albanien zwischenzeitlich viel einfacher und angenehmer, auch wenn das Land nach wie vor weit entfernt ist von einer »normalen Touristendestination«. Damit die Reise doch zum Erfolg wird, habe ich die grundlegenden Empfehlungen niedergeschrieben.

Der wichtigste Leitsatz lautet: “Kein Plan, keine Hektik!” Der albanische Alltag hält viele Überraschungen bereit, seien es geschlossene Türen oder geschlossene Strassen, seien es unvorhergesehen Abwesende oder gerade Unerhältliches. Wer hier unverdrossen versucht, einem engen Zeitplan nachzujagen, dürfte schnell enttäuscht sein. Das einzige gewisse an Plänen in Albanien ist, dass sie nicht einzuhalten sind

Dass vieles erst später als geplant erledigt wird, gehört zum albanischen Alltag. Wer sich auf seiner Reise diesem Rhythmus fügt, sich von den Umständen treiben lässt, wird schnell die schönen, weniger hektischen Seiten Albaniens kennen lernen, mit Albanern in Kontakt kommen und vermutlich auch unerwartete Bekanntschaften oder Entdeckungen machen.

Natürlich darf man seine Ziele nicht allzu schnell aufgeben. Wer umkehrt ohne zu insistieren, wird noch viel öfter erfolglos sein. Die Albaner sind Künstler des Improvisierens und finden für sehr viele Probleme eine oft überraschend einfache Lösung. Mit ein wenig Geduld und der Hilfe der vielen hilfsbereiten Albaner lässt sich manches Ziel doch noch errreichen. Denn meist weiss jemand, wie die Person mit dem Schlüssel zur verschlossenen Sehenswürdigkeit herbeigerufen werden kann. Oder es findet sich jemand in der Nähe, der eine Fremdsprache kann oder den Weg kennt. Es geht zwar etwas länger, es wird vorab häufig unverständlich viel diskutiert, aber vieles klappt schon irgendwie, auch wenn der uns geläufige Prozess nicht eingehalten wurde.

Auch keine Freude an Albanien wird haben, wer das Land mit dem Auto möglichst schnell zu durchqueren versucht. Die dabei gewonnen Impressionen werden wohl vor allem geprägt sein von öden Ebenen mit vielen Häusern im Rohbau, von schlechten Strassen mit hektischem Verkehr und vielen Tankstellen sowie von viel Abfall und – auf den ersten Blick – wenig attraktiven Städten. Man muss schon die westeuropäische Brille ablegen, sich Zeit nehmen um ins Land einzutauchen. Albanien wird dort interessant, wo man die Hauptstrassen verlässt, wenn man mit Albanern in Austausch gerät und wo man die fremde Kultur entdecken kann.

Denn wer Albanien bereist, kann zwar schöne Landschaften und eindrückliche Sehenswürdigkeiten erwarten – diese sind aber selten einzigartig. In Albanien gilt es vor allem, eine andere Kultur zu entdecken, die geprägt ist von herzlichen, gastfreundlichen Menschen, von vier Religionen und den Gegensätzen zwischen Ost und West. Dafür braucht es aber Zeit und etwas Geduld.

Oder wie das Neue Deutschland in einem begeisterten Albanienbericht heute schreibt:

In ein Land, das für europäische Verhältnisse gänzlich unberührt ist, sollte man einfach nicht mit geschmiedeten Plänen aufbrechen. Stattdessen erleben wir, wie aufregend es sein kann, ein Land zuerst mit den eigenen Augen zu sehen und nicht ständig mit den Bildern aus Hochglanzmagazinen im Kopf zu vergleichen.