Frühlingsfest in Ostalbanien: »Dita e verës« in Dibra

Der »Sommertag« am 14. März – albanisch »Dita e Verës« – ist ein nationaler Feiertag. Das Frühlingsfest mit heidnischem Ursprung dauert jedoch viel länger, als nur einen Tag. Es wird in weiten Teilen Albaniens gefeiert. Anduela Kaja stellt uns vor, wie der Brauch in ihrer Heimat Dibra begangen wird.

Der »Sommertag« wird in Dibra seit Jahrhunderten gefeiert. Laut Volksglauben soll an diesem Tag der Sommer beginnen. Man glaubt, dass die Rituale – wenn richtig durchgeführt – eine erfolgreiche Jahreszeit bringen. Die Feierlichkeiten dauern mehrere Tage. Die Rituale in Dibra unterscheiden sich nicht nur vom Rest von Albanien, sondern variieren auch leicht je nach Gegend in der Region. Die folgende Darstellung zeigt auf, wie der »Sommertag« in den (ehemaligen) Gemeinden Gjorica und Shupenza gefeiert wird.

Nächtliches Feuer

Bereits mehrere Tage vor dem 14. März wird in jedem Ortsteil und Weiler abends ein grosses Feuer entfacht, meist auf einem Hügel oder einem freien Feld, damit die anderen sehen, wie schön und gross es brennt. Man versammelt sich rund um das Feuer und singen speziell diesem Anlass gewidmete Lieder. Durch diese wird das Feuer gepriesen und seine Grösse gelobt – gleichzeitig macht man sich über die Feuer der anderen lustig: Es wird gespottet, dass sie noch nicht losgelegt hätten. Manchmal wird die Festgesellschaft von den starken Kerlen aus einem anderen Ortsteil überfallen, die das Feuer zu löschen versuchen. Eine solche Schmach führt zu einem Racheakt an einem der nächsten Abende.

Der nächste Tag beginnt jeweils sehr früh. Ein Kind der Familie im Alter zwischen neun und 15 Jahren steht lange vor Sonnenaufgang auf – je früher, desto besser. Das Kind holt mit eine Krug Wasser, das aus einer fliessenden Quelle oder einem Bach kommen muss, und füllt noch etwas Sand und Grass dazu. Zurück zuhause bespritzt es mit einem blühenden Kornelkirschenzweig drei Mal jedes Lebewesen des Haushalts: Menschen, Katzen, Hunde, Schafe etc. Dabei trägt es einen alten Spruch vor, der ihnen Glück in unzählbarer Menge wie Sand wünscht. Nachdem das Kind alle bespritzt hat, stellt es der Krug an einen sicheren Ort im Haus. Das Kind begibt sich dann nach draussen, um ein Feuer zu entfachen. Es schwatzt am Feuer mit Freunden, und manchmal singt es über diejenigen, die noch nicht aufgestanden sind, oder spielt ihnen Streiche. Der schlimmste Streich ist, die Tore mit Gestrüpp zu versperren – das verspricht grosses Unglück für den Sommer.

Dies wird täglich wiederholt bis zum 13. März, dem Blumentag. Am 13. März machen sich alle bereit für ein Picknick in den Bergen. Bei diesem Ausflug werden Blumen gesammelt, damit der Sommer, wenn er am Dita e Verës einzieht, ein geschmücktes Haus vorfindet.

Eierkampf

Die Vorbereitungen für das Picknick starten am Vortag. Am Abend vom 12. März werden Eier gekocht und gefärbt sowie Kekse gebacken. Je mehr Eier desto besser, denn am Blumentag ist Eierwettkampf angesagt. Der Sieger mit dem stärksten Ei erfährt viel Ruhm – der Erfolg macht schnell die Runde auf dem Picknickplatz. Die Leute geniessen das Essen, spielen, stossen Eier und – ganz wichtig – sammeln Blumen.

Bei der Rückkehr vom Ausflug beginnt ein Frage- und Antwortspiel zwischen der Hausherrin, die zurückgeblicken ist, und den Blumenbringern. Danach werden alle Türen und Fenster des Hauses mit den blühenden Blumen geschmückt. Am Nachmittag wird weiter gespielt und gefeiert, denn am 13., 14. und 15. März ist es verboten zu arbeiten. Stricknadeln und Nähzeug müssen in diesen Tagen gut versteckt werden. Das Haus muss gereinigt und herausgeputzt sein. Denn es wird gesagt, dass das Haus die ganze Jahreszeit über schmutzig bleiben würde, wenn der Sommer es nicht sauber vorfände.

Am Abend des Blumentags wird erneut ein Feuer entfacht.

Blumenschmuck für den Frühlingstag

Und dann kommt der grosse Tag, der wiedderum mit dem Wasserritual beginnt. Nach dem Frühstück am 14. März werden alle Abfälle des Morgens aus dem Haus gebracht. Diese Aufgabe übernimmt ein Kind, dem die Augen verbunden wurden – natürlich wird es von jemandem begleitet, der ihm den Weg weist. Nach der Rückkehr erhält es als Belohnung ein Ei. Nach der Vorstellung wird so das Entsorgen des Mülls für den Rest des Sommers so leicht fallen, wie wenn man es mit verbundenen Augen machen würde. Der grosse Tag wird mit weiteren Feierlichkeiten und Eierkämpfen verbracht. Eier werden auch als Geschenke verteilt.

Am Abend des 14. März gibt es eine finale Feuernacht. Das Feuer an diesem Abend ist grösser als alle anderen zuvor.

Am letzten Tag, dem 15. März, lassen die Feierlichkeiten allmählich nach, vor allem im Verlaufe des Nachmittags. Alle beginnen, sich auf die neue Jahreszeit und die anstehenden Herausforderungen vorzubereiten.

 

Weitere Informationen zum Dita e Verës:
Wikipedia-Artikel

 

Ungesehene Sehenswürdigkeiten: Shelcan

In der Region Elbasan finden sich mehrere ungesehene Sehenswürdigkeiten – die Region wird wohl wegen ihrer Nähe zur Hauptstadt immer wieder missachtet. Dieses Mal wenden wir uns von Elbasan gegen Süden ins kaum besuchte Shpati-Bergland. Der Ausflug verspricht Kultur, Kulinarik und Naturerlebnisse.

Niklauskirche in Shlecan

Ein Bergsträsschen windet sich gleich jenseits der Shkumbin-Brücke von Elbasan den Berg hoch. Schnell gewinnt man an in der ruhigen Landschaft an Höhe, schnell bleibt die Stadt in der Tiefe zurück. Es eröffnet sich ein Panoramablick weit hinaus ins Umland – schon bald taucht am westlichen Horizont das Meer auf. Schon bald führt die Strasse durchs das Dorf Shelcan. Die angesteurte Sehenswürdigkeit liegt aber noch anderthalb Kilometer weiter in »Shelcan 2«, einem Weiler oberhalb der Asphaltstrasse.

Hier liegt zwischen Bauernhäusern die Niklauskirche, eine kleine orthodoxe Dorfkirche. Von aussen ein eher einfacher Bau, im Inneren finden sich aber Wandmalereien, die zu den schönsten Albaniens gehören. Nachdem die Bäuerin aus dem Nachbarhaus das kleine Türchen aufgeschlossen hat, taucht der Besucher in eine bunte Welt ein: Der komplette Innenraum ist vom Boden bis zur Decke mit Fresken bedeckt. Hinzu kommt, dass hier im Gegensatz zu vielen anderen Kirchen in Albanien die Wandmalereien noch gut ehalten sind – klare Farben, kaum beschädigt, nicht vorsätzlich zerstört. Ein Juwel, das den kommunistischen Antireligionswahn überstanden hat. Zumindest ein Teil der Fresken soll von Onufri stammen, dem berühmten Ikonenmaler aus dem 16. Jahrhundert. Gewisse Teile der Kirche dürften aber noch deutlich älter sein und werden auf das 14. Jahrhundert geschätzt.

Nach der Kultur kommt die Natur: Von Shelcan führt die Strasse weiter nach Süden, an den Hängen der Shpati-Berge entlang immer weiter an Höhe gewinnend. Auf 1000 Metern verändert sich die Landschaft: Die karge, trockenen Berghänge weichen ausgedehnten Nadelwäldern.

Shpati-Berge bei Gjinar

Mitten drin liegt das Dorf Gjinar, wo der Asphalt endet. Wer hierher kommt, will die Bergluft und die Natur geniessen. Andere Sehenswürdigkeiten hat das Dorf nicht zu bieten. Eine Fahrt nach Gjinar ist ein netter Ausflug – nur rund 30 Minuten von Elbasan entfernt kann man hier in eine komplett andere Welt eintauchen. Und: Es gibt mehrere Restaurants, die frische Küche und lokale Produkte anbieten. Mancherorts hat man eine wunderbare Aussicht weit hinaus über die mittel- und südalbanischen Hügel.

Vielleicht wird diese Sehenswürdigkeit irgendwann auch noch von der Tourismusförderung entdeckt. Die Shpati-Berge erreichen bei Gjinar Höhen von über 1800 Metern und würde sich gut für Wanderungen und Bike-Touren eignen. Aktuell gebe es aber noch keine Wege.

Der chinesische Lastwagen rollt und rollt

Mehr als 20 Jahre nach meiner ersten Albanienreise habe ich es zum ersten Mal nach Has geschafft – eine arme, karge Bergregion im Nordosten Albaniens an der Grenze zu Kosova.

Mehr als 25 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus begegnete mir da auf der einsamen Strasse, die durch das Has-Bergland führt, ein alter chinesischer Lastwagen.

Der Laster ist mindestens 40 Jahre alt, aber scheint noch immer zuverlässig zu knattern. So alt wie ich oder auch ein paar Jahre mehr. Aufs Alter darf er heute über guten Asphalt rollen. Und anstelle des kommunistischen Sterns wurde er am Kühler mit einem Mercedes-Stern verziert.

Ein Zeuge aus alten Zeiten, dem ich hier begegnet bin. Der Laster und sein Fahrer könnten sicherlich von vielen Erlebnissen berichten. Zu einem Gespräch kam es aber leider nicht. Der Fahrer grüsste nur freundlich und wunderte sich, weshalb er fotografiert wird.

 

Albanische Riviera in »GEO Saison«

Titelseite der Albanien-Story

Reiseberichte Verfassen über Albanien ist so eine Sache: Wie behalte ich das Gleichgewicht? Wie fasse ich die Schönheit und den Reiz des Landes in Worte, um gleichzeitig auch den Nachteilen als Feriendestination gerecht zu werden?

Der Autor des Artikels über die Albanische Riviera im aktuellen Heft von »GEO Saison« schien ebenfalls mit dieser Problematik zu kämpfen.

Unterwegs mit dem Mountain Bike in Albanien

Strenge Arbeit auf dem Bike

Das an vielen Orten noch kaum erschlossene Albanien bietet für Mountainbiker viele spannende Touren – Eindrücke von einer Reise im Juli durchs ländliche Mittelalbanien.

Die Miss-Wahl auf der Alm

Alljährlich am zweiten Samstag im August trifft sich ganz Kelmend, die nördlichste Ecke Albaniens, auf dem Bordolec-Pass. Nur dieses Jahr fand der »Logu i Bjeshkëve«, das grosse Volksfest der Region, eine Woche früher statt – der Grund für die Verschiebung bleibt trotz zahlreicher wenig Sinn ergebender Erklärungen schleierhaft.

Wie jedes Jahr wurde auch letzten Samstag eine junge Dame zur »Miss Bjeshkëve« gekürt, zur Schönsten von Kelmend.

Der »Logu i Bjeshkëve« ist ein farbenfrohes, fröhliches Volksfest mit langer Tradition. Am 26. Juli, dem Tag von Shënepremte respektive Shna Prende, wie die Heilige Anna im Norden genannt wird, kleideten sich früher in den Dörfern Selca, Vermosh und Vukël die Frauen in ihren besten Kleidern. Dabei wurde nach dem Kirchgang jeweils die schönste angehende Braut bestimmt. Aus diesem »Logu i Nusëve« entwickelte sich der »Logu i Bjeshkëve«, der seit 1998 alljährlich beim Bordolec-Pass oberhalb des Dorfes Lepusha stattfindet. Der Begriff »Logu« bezeichnet eine Wiese für Versammlungen, und »Bjeshket« sind das Gebirge im Norden oder auch die Almen.

Tausende versammelten sich letzten Samstag am Bordolec-Pass vor der eindrücklichen Bergkulisse der »Bjeshket e Namuna«, der »verwunschenen Berge«. Trotz einer Höhe von über 1350 Metern brannte die Sonne erbarmungslos auf die angereisten Besucher hinab. Einige hatten schon am Abend zuvor gefeiert – aber am Samstag-Vormittag reisten die Besucher in Scharen an, dank frisch asphaltierter Strasse auch von weit her.

Das Publikum unterhielt sich und wurde mit zahlreichen Aufführungen von Musikern, Playback-singenden Volksmusik-Sternchen und Tanzgruppen unterhalten. Es gab Fleisch vom Grill und Getränkestände, die etwas Abkühlung versprachen. An einem Jahrmarktstand konnten beim Ring-Werfen besonders Geschickte Preise gewinnen, an anderen Ecken wurden Trachten und Handwerk feilgeboten sowie das neue Raumplanungskonzept der Gemeinde Malësia e Madhe präsentiert, zu dem auch die Schweiz beigetragen hat.

Höhepunkt des »Logu i Bjeshkëve« ist aber klar die Wahl der »Miss Bjeshkëve«. Das Schaulaufen der jungen Damen, zum Teil noch halbe Mädchen, zog sich durch den ganzen Anlass. Die zehn Kandidatinnen präsentierten sich, stellten sich später einzeln kurz vor und zeigten ihr Können im traditionellen Tanz. Aufwändig waren sie herausgeputzt: reichlich Make-up und sehr kunstvolle Frisuren, aber vor allem die traditionellen Trachten. Sie trgen die »Xhubleta«, den typische schwarzen Glockenrock aus Filz des Hochlandes, darüber rote und schwarze Schürzen, eine weisse Bluse, darüber ein Oberteil mit farbigen Ärmeln, einen breiten, mit farbigem Stoff bedeckten Gurt, ein kleines Filzkäppchen und ein farbiges Kopftuch, das mit seinen lagen Fransen weit den Rücken hinab fällt. Vieles ist aufwänig bestickt, und natürlich darf viel Schmuck am Hals, im Haar und an der Kappe, an den Ärmen, vor der Brust und am Bauch nicht fehlen. Die Filzgamaschen sind ebenfalls bestickt wie auch die knallig-bunten Socken. Und nur Albanerinnen können wohl mit solchen Absätzen über Almwiesen stolzieren.

Die Dame mit der schönsten oder originalsten Tracht gewann einen Extrapreis. Weiter überreichten die anwesenden Politiker den dritten und den zweiten Preis, bevor der Bürgermeister aus Koplik die »Miss Bjeshkëve« ernannte, ihre Schönheit, Tracht und Tanzkünste lobend: Dieses Jahr gewann Ermelinda Papushaj aus Lepusha. Gleich nach der Bekanntgabe stürzte der Medienrummel über die Teenagerin herein, während alle versuchten, ein Selfie mit ihr zu schiessen. Einen Preis erhielt die Gewinnerin – zumindest soweit ich das erkennen konnte – nicht. Die Auszeichnung der Jury ist wohl Ehre genug.

Das Publikum verzog sich dann nach drei anstrengenden Stunden an der prallen Sonne rasch. Die Blechlawine rollte wieder talwärts, so gut das im allgemeinen Chaos ging, während andere es sich im kühlen Schatten auf der anderen Seite der Passhöhe bequem machten und noch etwas weiter feierten mit den Bekannten aus den umliegenden Dörfern.

Wie fast überall in Albanien lässt sich auch in dieser abgeschiedenen nördlichsten Ecke Albaniens eine rasante Entwicklung feststellen. Dank neuer Strasse kommen immer mehr Besucher an das Fest, das rasch mehr und mehr seines rustikalen Charmes verlieren dürfte. Noch ist es eine Bergwiese, die sich für ein paar Stunden in ein Festgelände verwandelt – aber Organisation, Technik und Vermarktung werden immer professioneller. Schön wäre es, wenn es gelänge, das Publikum beim Tanz und Gesang miteinzubeziehen. Vielleicht wären dann auch abseits der Bühne mehr traditionelle Kleider zu sehen. Aber ein farbenfrohes und spektakuläres Schauspiel traditioneller Volkskunst in einer atemberaubenden Bergwelt ist der »Logu i Bjeshkëve« noch immer.

Schweizer Helferinnen vor 100 Jahren

Vor rund 100 Jahren, wohl kurz nach dem Ersten Weltkrieg, waren zwei Schweizerinnen unterwegs im abgelegenen Südosten Albaniens. Dies zeigt diese Fotografie von Dhimitër Vangjeli, aufgenommen in Erseka, dem Hauptort der Region Kolonja südwestlich von Korça.

Dhimitër Vangjeli – Buchseite

Dhimitër Vangjeli – Buchseite

Dhimitër Vangjeli – Buchcover

Dhimitër Vangjeli – Buchcover

Wer die beiden Wohltäterinnen waren oder was sie in den Bergen Südalbaniens genau machten, verrät das Buch nicht. Auch sonst sind uns schweizerische Aktivitäten damals in der Region unbekannt – jeder Hinweis ist also sehr willkommen.

Dieses historische Dokument von Dhimitër Vangjeli zeigt aber, das die Hilfe der Schweiz schon eine viel ältere Tradition hat als nur 25 Jahre.

Dhimitër Vangjeli (1872–1957) war ein Fotograf aus Kolonja. Erst vor Kurzem wurden zahlreiche alte Fotografien von ihm in einer Truhe entdeckt. Vangjeli hatte das Leben seiner Heimat dokumentiert, vor allem während des Ersten Weltkriegs. Er gilt als Marubbi des Südens, aber noch kaum bekannt. Neben Fotogeafie war er auch noch als Konditor und Uhrmacher tätig.

Wenig erfolgreiche planwirtschaftliche Stadtgründungen

Die Kommunisten haben Albaniens Landschaft verändert: Sümpfe wurden trocken gelegt, die Landwirtschaft grundlegend verändert, überall wurden Seen zur Bewässerung und Energiegewinnung aufgestaut – und das ganze Land wurde industrialisiert. Für die neuen Fabriken und Bergwerke brauchte es Arbeiter, die Unterkünfte brauchten, weshalb im ganzen Land zwischen 1945 und den späten 70er Jahren neue Städte angelegt wurden.

Kukës, Hauptplatz – planerische Ödnis

Mehr als 25 Jahre nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes lohnt sich ein Blick zurück, wie erfolgreich diese Stadtgründungen waren.

Das stadtlose Land

Natürlich gab es in Albanien prosperierende Städte und zahlreiche Ort, deren Geschichte oftmals bis in die Antike reichte. Neben den beiden grossen Städten Shkodra und Korça sowie weiteren lokalen Zentren wie Berat, Elbasan, Tirana und Gjirokastra gab es bis weit ins 20. Jahrhundert hinein aber keine Orte, die an eine richtige Stadt erinnerten. Selbst die wichtigsten Häfen waren klein: Shëngjin hatte nach dem Ersten Weltkrieg keine 100, Saranda weniger als 1000 Einwohner. Vlora, etwa zwei Kilometer vom Ufer entfernt, hatte zwar deutlich mehr Einwohner, aber kaum etwas, das städtisch wirkte: ein paar Moscheen, einige wenige enge Gassen und einen Marktplatz. Durrës hatte um 1900 kaum mehr als 1000 Einwohner, aber immerhin etwas städtisches Leben in den engen Gassen innerhalb der Stadtmauern. Der bedeutendste Hafen des Landes sollte sich in der Folge jedoch rasch entwickeln. Noch viel schneller wuchs Tirana, das 1920 Hauptstadt geworden war, aber schon 1917 knapp über 10’000 und zehn Jahre später schon fast doppelt so viele Einwohner hatte.

Im Allgemeinen war das junge Albanien aber sehr ländlich geprägt: 1926 lebten nur 16 % der Albaner in Städten. An einigen Verwaltungszentren und Marktplätzen hatten sich zum Teil ein paar Hundert Personen niedergelassen. Auch lokale Machtzentren und Wohnsitze von Beys wie Kruja, Kavaja, Fier, Lushnja, Leskovik, Përmet, Delvina, Libahova, Peqin oder Pogradec hatten höchstens ein paar Tausend Einwohner, aber abgesehen von Gotteshäusern und Märkten kaum städtische Infrastruktur. Besonders die gebirgigen Gebiete des Landes waren komplett frei von Städten. Noch 1945 gab es in einem Drittel der Kreise keine Stadt.

Die kommunistischen Stadtgründungen

Alt und Neu in Kuçova

Die sozialen Reformen und die rasch einsetzende Industrialisierung der Nachkriegszeit zogen eine rasche Urbanisierung des Landes mit sich. Bis 1969 nahm die städtische Bevölkerung pro Jahr um 4,5 % zu. Vielerorts wurden aus kleinen Dörfern städtische Zentren, mancherorts wurden neue Siedlungen gänzlich auf dem Reissbrett geplant.

Im Norden entstanden Verwaltungszentren wie Rrëshen, Burrël und Bajram Curri sowie viele Bergwerkstätte (Kruma, Rubik, Kurbnesh, Krasta in Martanesh, Bulqiza). Im Süden waren Kohle (Memaliaj), Erdöl (Ballsh, Patos, Kuçova als Qytet Stalin, Roskovec und Cërrik) und die Waffenproduktion (Poliçan und Çorovoda in Skrapar) die treibenden Kräfte.

Die neuen Grossfabriken wurden meist bei bestehenden Grossstädten gebaut, wobei im Falle von Tirana etwas ausserhalb ein ganzer Stadtteil (»Kombinati«) gegründet wurde, der den Arbeitern der in den 50er Jahren gegründeten »Stalin-Fabrik« ein Zuhause bot. Manchmal wurden Industrien aber auch abseits der grossen Zentren angelegt, so bei Laç oder Cërrik. Im Südosten entstanden mit Maliq ein Zentrum des Zuckerrohranbaus und -verarbeitung

Vielerorts entwickelten sich kleine Dörfer, die meist historisch schon als Treffpunkt oder Marktplatz der Region dienten, zu lokalen Verwaltungszentren (Tepelena, Gramsh, Librazhd, Klos (Mat), Vau-Deja, Puka, Kukës). Etwas Bedeutung und beträchtliche Einwohnerzahlen erlangte auch manches Dorf, in dem die Verwaltung einer landwirtschaftlichen Genossenschaft untergebracht wurde. Ein besonderes Beispiel hierfür ist Kamza, wo neben der Genossenschaft noch die Faktoren Kohlebergwerk und Nähe zu Tirana in Form der Landwirtschaftsuniversität begünstigend hinzukamen. Heute ist Kamza eine der grössten Städte des Landes.

Aufgrund der Aufstauung des Fierza-Sees musste in den 70er Jahren die Stadt Kukës verlegt werden. »Neu-Kukës« entstand als Planstadt etwas östlich auf einem windigen Plateau.

Rückblickend entwickelten sich die wenigsten dieser Planstädte zu richtigen Städten: Zwar verliehen ein paar hässliche Plattenbauten den Orten etwas Urbanität, aber die Einwohnerzahlen blieben meist im tiefen vierstelligen Bereich. In Albanien reichte dies schon, um das Prädikat »Stadt« oder »Bashkia« verliehen zu kriegen.

Die Schwierigkeiten der Landstädte im Post-Kommunismus

Das Leben zieht an Rubik vorbei

Die meisten dieser Planstädte machten in den letzten 25 Jahren eine schwierige Transformation durch. Fast überall gingen die wichtigen Arbeitgeber verloren. Insbesondere in der Industrie und im Bergbau gab es lange keine Beschäftigung mehr. Auch der Staat hatte kaum Finanzen, so dass gerade die kulturellen Angebote schnell eingstellt wurden. Im Gegensatz zu den Grossstädten, wo eine kleine Mittelschicht und Oberschicht heranwuchs, ist die Bevölkerung dieser Planstädte und ihrer Umgebung meist sehr arm, so dass auch der Dienstleistungssektor sehr bescheiden blieb. Zum Teil findet die Bevölkerung der Landstädte auch heute noch ein – zumal ergänzendes – Einkommen in der Landwirtschaft.

Trotz aller Probleme haben die Landstädte aber auch Einwohner aus den umliegenden Dörfern angezogen, da die Infrastruktur im urbanen Raum etwas besser ist. Andernorts sind die Bauerndörfer der Umgebung heute zum Teil bevölkerungsreicher als das lokale städtische Zentrum, das von Arbeitslosigkeit geplagt wird.

Niedergang der Bergwerks- und Industriestädte und krisenfestere Verwaltungsstädte

Im Zentrum von Cërrik – menschenleer

Die meisten Bergwerksbetriebe haben in den 90er Jahren rasch ihren Betrieb einstellen müssen, was unmittelbaren Einfluss hatte auf die Städte, die von ihnen abhängig waren. Gerade die junge Bevölkerung ist rasch ausgewandert – meist illegal nach Griechenland oder Italien, um dort etwas Geld zu verdienen und die Familie in der Heimat zu unterstützen. Im Verlauf der letzten 25 Jahre haben viele Einwohner diese Städte verlassen, insbesondere wenn sie abgelegen oder in sehr gebirgigem Gebiet gelegen sind. Etwas weniger stark betroffen sind meist Bergwerksorte, die noch lokale Verwaltungszentren sind oder an Durchgangsstrassen liegen. Die zurückgebliebene Bevölkerung in diesen Bergwerksregionen ist meist von der Landwirtschaft und Überweisungen von Verwandten im Ausland abhängig.

Kurbnesh fast ausgestorben

Einige dieser Bergwerksorte wurden praktisch komplett entvölkert, so das abgelegene Kurbnesh in der Mirdita. In Kruma, dem Zentrum der Region Has im Nordosten, ist die Einwohnerzahl um rund einen Drittel zurückgegangen. Auch Memaliaj im Süden hat rund die Hälfte der Einwohner verloren – ein starker Bevölkerungsrückgang ist aber im ganzen Süden des Landes zu verzeichnen.

Auch die Erdölindustrie war in Albanien kein Garant für Arbeit und Reichtum: Diese Städte sind allesamt von Bevölkerungsrückgang betroffen, wenn auch nicht überall gleich stark.

Die Verwaltungszentren verzeichnen hingegen meist keine solch grosse Abwanderung. Burrël konnte seine Einwohnerzahl halten und Rreshën, Kukës sowie Puka haben zwischen 1989 und 2011 sogar einen Zuwachs verzeichnet.

Neues Leben in Burrël

Aus der Reihe tanzt auch die Bergwerkstadt Bulqiza, wo die Einwohnerzalh seit 1989 deutlich zugenommen hat. Aufgrund der besseren Erzvorkommen besteht hier noch heute eine Industrie, wie sonst kaum wo in Albanien. Hinzu die Funktion als Verwaltungszentrum, was ebenfalls stabilisierend wirkte.

Es gibt viele weitere Städte in der Küstenebene zwischen Vlora und Shkodra und besonders im Grossraum Tirana, die beträchtlich an Einwohner zugenommen haben. Dazu gehören auch ein paar Planstädte wie Kamza als Vorort von Tirana oder Laç. In diesem Fällen scheint aber mehr die Landflucht und die Lage als die Attraktivität der geplanten Städte von Bedeutung für das Wachstum gewesen sein.

Erfolg und Misserfolg der Planstädte

Dunkle Fensterhöhlen in Krasta, Martanesh

Die planwirtschaftlichen Stadtgründungen scheinen sich in ihrem Schicksal nicht gross von anderen Städten zu unterscheiden – leider ist eine detaillierte Analyse aufgrund des schlechten Datenmaterials nicht wirklich möglich. Im Gegensatz zu vielen anderen, im Umland traditionell verwurzelten Städte Albaniens sind die Industriestädte heute aber doch in den meisten Fällen sehr trostlos und unbelebt. Kaum eine Planstadt hat mehr als 10’000 Einwohner erreicht – und wie die ganze Stadtentwicklung Albaniens erleben auch die Planstädte mit Bevölkerungswachstum heute eine Phase der chaotisch-wilden Entwicklung weitab der ursprünglichen planerischen Vorgaben.

Die im Kommunismus entwickelten Verwaltungszentren haben mehrheitlich ihren Platz als wichtige Drehscheibe der Umgebung gefunden – ihre Gründung war ein bedeutender Schritt in der Entwicklung des Landes, auch wenn in der post-kommunistischen Zeit in vielen Fällen ein Bevölkerungsrückgang zu verzeichnen war. Es sind zwar vielfach reizlose kleine Provinznester, aber doch kommen hier die Menschen des Umlands zusammen und sorgen für Veränderung und Treiben. Man kauft ein paar notwendige Sachen ein, erledigt Behördengänge, geht hier in die weiterführende Schule oder wartet auf den Bus nach Tirana. Die Stagnation der 90er Jahre ist in den Verwaltungszentren vorbei – es gibt Veränderung, während die Industrieorte leblos wirken, vieles zu Zerfallen droht, der Rückgang deutlich spürbar ist .

Breite Strassen aus kommunistischer Zeit im Zentrum von Kuçova

Eine interessante Mischung ist Kuçova, die grösste albanische Planstadt, die einst über 20’000 Einwohner hatte. Auch hier sind viele Bewohner abgewandert, die Erdöl-Metropole hat aber eine Grösse entwickelt, die ein gewisses Eigenleben garantiert. Und trotz der wirtschaftlichen Misere ist die Erdölproduktion nie ganz  zum Erliegen gekommen, so dass heute noch ein Duft von Öl durch die kommunistischen Prachtsstrassen zieht. Die post-kommunistische Entwicklung hat Kuçova nur zaghaft erfasst – weite Teile des Stadtzentrums werden noch immer von der kommunistischen Architektur, dem roten Stern und Industrieanlagen dominiert. Kuçova gleicht deshalb eher einer Reise durch die Geschichte um 30 Jahre zurück als einer lebendigen albanischen Stadt der Gegenwart.

An vielen anderen Orten ist aber meist tote Hose: Im einzigen Café sitzen ein paar Männer, der zentrale Platz wirkt überdimensioniert und meist auch sehr trostlos heruntergekommen. In den Hintergassen rennen noch ein paar Hühner rum. Aber es fehlen die Investitionen, die kleinen Geschäfte und der Trubel, der vielerorts Ausdruck der albanischen Lebensfreude ist.

Quellen: u.a. T. Selenica: »Shqipëroa më 1927«, Tirana 1928;
Arqile Bërxholi, Dhimitër Doka, Hartmut Asche (Hrsg.): »Altasi Gjeografik i Popullisë së Shqipërisë«, Tirana 2003;
Franz  Seiner: »Ergebnisse der Volkszählung in Albanien in dem von den österr.-ungar. Truppen 1916 - 1918 besetzten Gebiete«, Wien 1922, online;
Cay Lienau, Günter Prinzing (Hrsg.): »Albanien – Beiträge zu Geographie und Geschichte«, Münster 1986;

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