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Chaos total

Albanien steht wieder einmal vor einem Umbruch: Hektische Monate liegen hinter uns, heisse Wahlen werden erwartet

Das albanische Volk wurde betrogen. Mehrfach. Als es sich dessen im Januar bewusst wurde, kam es zu Aufständen, die uns in ihrer Heftigkeit unerklärlich sind. Albanien hat sich ruiniert, und die Zukunft sieht sehr düster aus.

Die grössten Betrüger sind natürlich die Profiteure der Investmentgeschäfte. Als die Pyramidenfirmen auseinanderbrachen und die Geschäftsführer zusammen mit den investierten Millionen spurlos verschwanden, war plötzlich eine Mehrheit der albanischen Familien ihres Einkommens beraubt. Verantwortlich dafür soll die Demokratische Partei (PD) und ihre Führungsspitzen Berisha und Meksi gewesen sein, die dem illegalen Treiben der Finanzfirmen Holdings und Stiftungen nicht nur tatenlos zusahen, sondern anscheinend auch davon profitierten. Den jetzt einkommenslosen Albanern war es deshalb auch nicht mehr egal, wie diese »Demokraten« an die Macht gekommen sind: Im Mai des letzten Jahres errang die PD ihren grandiosen Sieg bei den Parlamentswahlen nur durch schwerste Resultatsbeeinflussungen. Das sorgenlose Leben mit Reichtum für alle, das die PD im mit Spenden der Pyramidenfirmen finanzierten Wahlkampf versprach, war vorbei. Das Volk protestierte. Es wollte nicht nur das verlorene Geld zurück, es verlangte auch den Rücktritt der (angeblich?) Verantwortlichen.

In Vlora wurden 1920 die italienischen Besatzer verjagt; ein wichtiger Schritt zur Sicherung der albanischen Selbständigkeit. In Vlora wurden im Februar 1997 die Machthaber aus Tirana verjagt: Die Polizei konnte die Oberhand nicht mehr behalten, das Volk übernahm die Macht und verjagte die Vertreter der PD. Gleich ging es in anderen südalbanischen Städten. Bald darauf rollten Panzer gegen die Aufständischen im Süden. Doch auch das Militär konnte gegen den Missmut des Volkes nichts ausrichten. Ängstlich flohen sie vor den Bewaffneten. In immer neuen Regionen erhob sich das Volk gegen die Regierenden in Tirana. Man wollte eine Demokratie und nicht diese korrupte, Macht heischende Demokratische Partei. Es war kein Bürgerkrieg von sich gegenüberstehenden, bewaffneten und organisierten Verbänden. Es war ein Aufstand der unzufriedenen Volksmassen gegen eine totalitäre Regierung.

Als sich abzeichnete, dass die Regierung nicht in der Lage war, die Staatsgewalt zu vertreten, übernahm der Mob die Herrschaft. Aus Wut auf die Regierung, aus Zorn über die Verluste und aus Angst vor kommenden Krisenzeiten wurde ge-plündert und zerstört. Es herrschte Anarchie.

Berisha blieb sattelfest
Der Taktiker Sali Berisha schaffte es dabei, seinen Kopf immer wieder aus der Schlinge zu ziehen. Zuerst musste der Ministerpräsident Aleksander Meksi herhalten und wurde entlassen. Ausserdem gab Sali Berisha erstmals zu, dass die Regierung zuwenig vor den Gefahren der Investmentfirmen gewarnt hätte. Es half nichts, die Proteste wurden immer heftiger. Die Aufständischen forderten Berishas Rücktritt und der Präsident, er forderte die Rückgabe der Waffen: Ein Remis der Forderungen. Es wurde eine Übergangsregierung ernannt. Alle grösseren Parteien waren darin vertreten. Damit die Machtverhältnisse ausgeglichen waren, blieb Berisha in seinem Amt. Vielleicht hätte sein Abgang ein schnelles Ende der Krise gebracht, vielleicht aber noch mehr bewaffnete Auseinandersetzungen, Rechtlosigkeit und Anarchie zur Folge gehabt. Mit dem Sozialisten Bashkim Fino als neuen Ministerpräsidenten hat das Ausland immerhin einen neuen, akzeptablen Ansprechpartner gefunden. Aber auch Fino hat nicht die politische Macht, entscheidend auf die Prozesse im Land Einfluss nehmen zu können. Berisha bleibt jedenfalls zumindest bis zu den Wahlen Präsident Albaniens. Und dann wolle er sich dem Volkswillen beugen. Noch immer spricht er von einem kommunistischen und ausländischen Komplott (wie Enver vor zwanzig Jahren) und scheint die Problematik der Situation nicht zu begreiffen.

Nach dem Abkommen mit der Opposition, die die PD favorisierenden Wahlgesetze zu ändern, beliess das von der PD dominierte Parlament doch (fast) alles beim alten. Der alte Taktiker meinte, die Opposition und die vermittelnde OSZE hintergehen zu können. Schliesslich musste Berisha auch hier wieder Zugeständnisse machen. Gespannt warten wir auf seine nächsten Tricks. Wird es ihm gelingen, seinen Kopf auch nach den Wahlen wieder aus der Schlinge zu ziehen. Oder wird die Zeit für den dritten totalitären Machthaber dieses Jahrhunderts in Albanien nach Hoxha und Zogu dann abgelaufen sein? Zum Glück waren sowohl Polizei und Armee als auch die Geheimpolizei Shik nicht stark genug, als dass sich Berisha mit Waffengewalt hätte an der Macht halten können. Sonst hätten die ersten Monate dieses Jahres in Albanien etliches mehr an Toten gefordert als die 400, die aufgrund all der aus Polizei- und Armeebeständen geklauten Waffen umkamen.

Neuwahlen
Was können wir aber von den Wahlen erwarten? Was wird passieren, wenn zum Beispiel die Sozialisten (PS) an die Macht kommen. Würde sich Fatos Nano, wenn er von einem sozialistisch dominierten Parlament zum Präsidenten gewählt würde, nicht ähnlich gebärden wie sein Vorgänger und zum Beispiel Berisha ins Gefängnis schicken? Anfangs anständig und dann immer machthungriger und totalitärer. Wären die Altkommunisten fähig, einen demokratischen Staat aufzubauen, Ruhe und Ordnung sowohl im aufständischen Süden als auch im PD-freundlichen Norden durchzusetzen und Sicherheit für ausländische Investoren, Helfer und später sogar Touristen zu gewährleisten?

Ist andererseits Albanien nach all dem Hass und soviel Unruhe bereit für eine Mehrparteienregierung? Eine Vertretung mehrerer Parteien in der Regierung wäre wohl beim Volk am ehesten akzeptiert. Aber würde eine solche Regierung in Albanien, wo man nur schwarz und weiss, aber keinen Kompromiss kennt, neben dem Streiten überhaupt zum Regieren kommen?

Ginge aber die PD als Siegerin hervor, würde wohl nicht nur der linke Süden gleich von Wahlbetrug sprechen. Und sicherlich wird die demokratische Partei auch eine legitim errungene Staatsgewalt in weiten Gebieten des Landes nicht durchsetzen können.

Lange war ich sehr optimistisch, was die Zukunft Albaniens betrifft. Für die kommenden Wahlen ob frei und fair oder getürkt und die nachfolgende Zeit habe ich aber nicht viel Hoffnung. Da scheint mir nur die abstruseste aller Möglichkeiten einen Ausweg zu bieten: Wenn sich das albanische Volk am gleichzeitig stattfindenden Plebiszit für die Monarchie aussprechen würde. Ich glaube, dass »König« Leka dank der Tatsache, dass er die letzten 58 Jahre im Westen verbracht hatte, die albanische Führungspersönlichkeit ist, die am meisten rechtstaatliches Empfinden hat und so Albanien an demokratische Verhältnisse heranführen könnte. Mein innerstes Ich, die Demokratie liebend, geht dabei davon aus, dass die Albaner nicht für die Monarchie votieren werden.

Besetztes Albanien
Andere wiederum setzen nicht nur auf einen Ausländer mit albanischer Abstammung, sondern ganz auf das Ausland. So kam es, dass die Albaner selber Europa und die USA zum Eingreifen in Albanien aufforderten. Nach wochenlangem Zögern entschlossen sich dann doch einige europäische Staaten zum Handeln. Nach den negativen Erfahrungen in Bosnien sollte es nicht zu einem weiteren Debakel kommen, und folglich beschränkte man sich auf ein Minimum: Die Truppen sollen lediglich dem Schutz humanitärer Hilfe dienen. Bei der Auswahl der beteiligten Länder ging man äusserst umsichtig vor: Es beteiligen sich bei der Opperation »Alba« die Türkei (jahrhundertelanger Besatzer Albaniens bis 1911), Italien (mehrmaliger Besatzer, insbesondere Mussolinis Faschisten während des Zweiten Weltkriegs), Griechenland (bis 1985 im Krieg mit Albanien), Österreich (Besatzer in Nordalbanien während des Ersten Weltkriegs), Frankreich (besetzte Korça und Umgebung im Ersten Weltkrieg), Spanien und Dänemark. Einen sinnvollen Auftrag haben die 6000 Mann von der UNO nicht bekommen, aber es wird immer vom positiven Einfluss auf die Sicherheit gesprochen, den die legitim Bewaffneten ausüben. Das österreichische Verteidigungsministeri-um wusste beispielsweise nach mehrwöchigem Einsatz nichts zu berichten ausser der Tatsache, dass die Soldaten das Hauptquartier der OSZE zu bewachen hätten.

Der Einsatz der Truppen ist auch nicht unumstritten. Den albanischen Skeptikern soll aber gesagt sein, dass es sich bei der Opperation »Alba« nicht um eine imperialistische Besatzung, sondern um eine rein defensive Aktion zum Schutz des Westens vor albanischen Flüchtlingen handelt.

Schon früher als die internationale Gemeinschaft schritt die OSZE zur Tat. Österreichs Ex-Bundeskanzler Franz Vranitzky hat mit seinen Verhandlungen sicherlich Schlimmeres in Albanien verhindert und zum Dialog und Einigungen zwischen den Parteien beigetragen. Die Macht der OSZE ist hingegen recht beschränkt (im Vergleich zum Beispiel zur tatenlosen EU).

Jedenfalls wird und will auch das Ausland Albanien nicht in eine bessere Zukunft leiten. Obwohl man wirklich daran zweifeln kann, ob ein demokratisches Albanien zur Selbstverwaltung fähig ist, dürfte auch eine ausländische Bevormundung wenig aussichtsreich sein.

Alle hoffen zur Zeit auf eine bessere Zeit nach den meines Erachtens wenig erfolgversprechenden Wahlen. Die Zukunft Albaniens ist so zur Zeit vollkommen offen.

Lars Haefner


Pyramiden

Sommer 1996. Wer durch Tiranas Strassen lief, wunderte sich, wie es möglich ist, dass so viele Albaner den ganzen Tag nur in den Cafés sitzen und Geld ausgeben. Ganz einfach, wenn man Geld bei einer der sogenannten Pyramidenfirmen angelegt hat und dies enorme Zinsen bringt. Bis drei Viertel der albanischen Familien haben angeblich zumindest einen guten Teil ihres Einkommens auf diese Art bestritten.

Kein Wunder, dass sich niemand über die Missstände im Land beklagen mochte. Denn gewisse dieser Firmen zahlten die Zinsen schon seit Jahren, und es gab keine Anzeichen, dass dies sich in Zukunft ändern würde. Im Gegenteil, die Zinsversprechen stiegen und stiegen. Zahlte die VEFA im Frühling 1996 noch 12% Zins pro Monat, hörte man ein halbes Jahr später von anderen Firmen schon von Zahlen über 33%, sogar von 50% pro Monat!

Vorbei, die Leute sind jetzt ihres Einkommens, ihres Vermögens, ihrer Illusionen beraubt. Die meisten der Pyramidenfirmen gibt es nicht mehr wie das angelegte Geld, das mit den Bossen irgendwo auf Schweizer Konten oder in der Türkei verschwand.

Die Pyramidenfirmen liessen sich in zwei Gruppen unterscheiden. Einerseits gab es die sogenannten Stiftungen (zum Beispiel Xhaferri, Sude, Kamberi oder Populli), die einen Teil ihrer Profite für wohltätige Zwecke (vom Fussball-Sponsor bis zur Unterstützung von Waisen) verwendeten und noch nicht so lange bestanden, aber auch als erste bankrott gingen. Bei anderen Firmen wie VEFA, Gallica, Silva war der Finanzbereich nur ein Teil des Geschäfts. Diese Firmen waren Holding-Gesellschaften, die in den verschiedensten Bereichen tätig waren und die angelegten Gelder sicherlich auch zu Investitions-Zwecken gebrauchten. Insbesondere der Riese VEFA zählte zu den Stützen der albanischen Wirtschaft. Über 200 Investitionen tätigte die VEFA, deren Alleinbesitzer als reichster Albaner gilt, in den letzten sechs Jahren: Lebensmit-telproduktion, Supermärkte, Importe, Bergbau, Tourismus kaum ein Bereich, in dem die VEFA nicht tätig war. Der Konkurs dieser Holdings wäre der Untergang der albanischen Wirtschaft.

Beide Pyramidentypen haben aber sicherlich auch gemeinsam, dass nicht alle Gelder aus legalen Quellen kamen, obwohl bis heute nichts nachgewiesen wurde. Dass gerade in Vlorë neben mehreren Pyramiden die Kerne der albanischen Mafia ansässig ist, ist kaum Zufall. So geht man davon aus, dass das Ende des Embargos gegen Rest-Jugoslawien mit ein Grund für das Ende der Pyramiden-Firmen war: Der Schmuggel war nicht mehr gewinnbringend, der Zufluss neuen Geldes für die Zinszahlungen war gestoppt.

Genausowenig konnten konkrete Beziehungen zur Demokratischen Partei nachgewiesen werden, die jetzt an allem schuld ist. Trotzdem profitierten sicher viele »Demokraten« vom Geld der Pyramidenfirmen.

Der Zusammenbruch der Pyramiden war voraussehbar. Die Weltbank hatte die albanische Regierung auch deutlich gewarnt und wegen ihrer Untätigkeit gerügt. Dass deren Ende aber solche Auswirkungen haben würde, hat sich wohl kaum jemand vorzustellen vermocht. Zusehr waren wir von den schönen Statistiken der albanischen Wirtschaft und dem regen Handel in Tiranas Strassen geblendet.

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