Beginnen wir hier bei den Rezensionen mit dem Marco-Polo Reiseführer Albanien.

Die Marco-Polo-Reiseführer sind ja eher kleine Büchlein: Albanien mit 144 Seiten.
Und ich bin eher skeptisch gegenüber kurzen Reiseführern. Meist sind sie mir viel zu oberflächlich mit viel zu vielen Lücken. Aber solche Reiseführer haben doch auch ihre Berechtigung: Leuten, die sich nicht lange vor Ort aufhalten, ein Buch geben, das sie nicht allzu viel kostet und doch gut begleitet auf ihrer Reise.
Der Albanien-Titel erfüllt diese Aufgabe halbwegs. Zu Beginn war ich eigentlich recht positiv überrascht:
Einerseits zählt der Autor Jörg Dauscher schon lange zu meinen Lieblingsautoren über Albanien: Er schafft es auch in diesem Buch, schnell auf den Punkt zu kommen. Kurze Aussagen, aber sehr präzis und oft auch sehr unterhaltsam verfasst. Ganz nach dem Motto: Wie ich gerne vieles formulieren würde, wenn ich es könnte.
Die allgemeinen Landes- und Reiseinformationen sowie die Beschreibungen von Tirana und vom Norden fand ich übersichtlich, hilfreich und gelungen.
Weniger Gefallen habe ich gefunden an der Beschreibung vom Osten und vom Süden …
Der Reiseführer zählt definitiv auch zu den modernen Büchern mit praktischen Übersichten: Gut aufgemacht, übersichtlich strukturiert, zahlreiche Seiten mit Tipps oder was man nicht machen sollte, ganz ordentliche Übersichtskarten für einzelne Regionen. Zehn Seiten über Tirana oder sechs Seiten für Durrës und Umgebung dürften für die meisten genügen: die wichtigen Sehenswürdigkeiten sind aufgelistet und kurz beschrieben, ohne den Leser mit allzu viel Wissen zu überhäufen oder mit Ratschlägen zu bevormunden. Auch wer von Tirana nach Durrës oder in den Norden möchte, ist ordentlich bis gut bedient. Überraschenderweise finden auch etliche Regionen, die nicht besonders touristisch sind, Erwähnung: Dibra und Peshkopia oder kurze Anmerkungen zu Kukës, Vithkuq, Frashër, Belsh und Roshnik.
Natürlich merkt man auch, dass da ein langjähriger Albanien-Kenner am Werk war: nicht nur sprachlich einwandfrei (ein paar Tipp-Fehler der Layouter ausgenommen), sondern auch einige Tipps, die neu sind und nicht zu den 08/15-Auflistungen gehören.
Was mir weniger gut gefällt und wo zum Teil auch die Reisenden gut verwirrt sein dürften:
* Die Regionenaufteilung resp. Gliederung nach Kapiteln richtet sich wohl mehr nach Gliederungsanforderungen als nach Reisewegen: Weil »Der Nordosten« nicht nur aus Dibra bestehen durfte, musste noch Pogradec reingepackt werden. In einem Nebensatz ist bei den Hotelempfehlungen erwähnt, dass man besser über Nordmazedonien reisen sollte. »Der Südosten« beginnt dann gleich hinter Pogradec und umfasst neben Korça auch Përmet, Gjirokastra und Berat! Dafür erstreckt sich »Zentralbanien« vom Plazhi Gjeneralit bis Lezha. Wer jetzt findet, dass es pingelig ist, dass ich mich an so was störe, möge weiterlesen.
* Der Reiseführer erklärt nicht, wie man die erwähnten Orte erreicht. Also kaum ein Wort über die möglichen Verbindungen von Dibra nach Pogradec (gäbe ja jetzt den hübschen Weg über Fushë-Studa). Auch die Fähre über den Koman-See werden zwar erwähnt, aber nichts zu Reservationen oder Häufigkeiten der Verbindungen. Das grösste Problem ist aber, dass in der Region »Südosten« die Übersichtskarte die Fahrt von Berat nach Përmet nahelegt. Der Hinweis »100 km, 3,5 Stunden« legt klar, dass sich der Kartengestalter einfach an Google Maps orientiert hat (die Angaben entsprechen den Google-Angaben für die Verbindung über Skrapar). Wie viele Leser irgendwo in den südalbanischen Bergen stranden werden mit Schaden am Fahrzeug auf Routen, von denen wir und Autovermieter in Albanien abraten?
* Damit kommen wir zum Thema Karte. Die beigelegte Karte 1:650'000 ist auch Licht und Schatten. Positiv: viele aktuelle Strassenbauten (Baypass Vlora, neue Autobahn Thumana-Kashar, Rruga-Arbërit) sind nachgeführt. Natürlich sind alle Klassiker (Lura-Ost-Route, Berat-Këlcyra) als gute Durchgangsstrassen verzeichnet. Gerade in bergigen Regionen fehlen wichtige Strassen. Das betrifft nicht nur manche Strassen in abgelegenen Regionen wie Biza, sondern auch alle asphaltierten Strassen ins Kurvelesh, das auf dieser Karte nur über die Südroute via Golem erreichbar ist, oder die Strasse nach Zvërnec (im Buch erwähnt). Auch sonst fehlen ein paar Stauseen, sind manche Beschriftungen für Berge und Regionen verrutscht etc.
* Es mag ja zum System der Buchreihe gehören, dass pro Kapitel/Region nur zwei Unterkunftsempfehlungen zu finden sind. Aber keine Empfehlung für Berat, Gjirokastra oder Korça, dafür zwei für Përmet finde ich etwas unausgewogen. Auch für die Riviera von Vlora bis Ksamil findet sich keine Hotelempfehlung, lediglich ein Campingplatz und ein Hostel … Weiss nicht, wie vielen Lesern damit gedient ist …
* Die Touren sind ja ganz nett – insbesondere der Spaziergang durch Tirana auf nicht ganz üblicher Route. Bei der Wanderung am Llogara-Pass klaffen dann Beschreibung, Karte und Zeitangaben weit auseinander. Etliche Objekte sind auf der Karte falsch verzeichnet: Aus einem Abstecher zu zwei Kleinbunkern »Kurz hinter dem Pass« wird auf der Karte eine zehn Kilometer lange Zusatzschleife, bei den Distanzangaben wird ein 2km+-Abschnitt zu 0,7 km reduziert und ein Abschnitt von 2,7 km hat plötzlich 5,7 km. Zumindest im App, das man sich herunterladen kann, stimmen die Angaben (aber wohl nicht die Bunker-Lokalisierung). Auch die dritte Tour mit dem Auto entlang der Küste ist nett – aber der Fussweg von fast einer Stunde hinunter zum Strand von Gjipe und zurück plus Zeit zum Entspannen und Baden am Strand fliessen in die Rechnung nicht wirklich ein.
Abschliessend: Für einen kurzen Reiseführer bietet der Marco Polo recht viel. Der Zielgruppe, die in wenigen Tagen möglichst viele Albanien-Highlights von der Bucket-List im Buch streichen möchte, wird er aber nicht überall gerecht. Mir wäre etwas mehr Mut zur Lücke lieber gewesen. Lieber ein paar abgelegene Orte und Liebhabertipps weglassen, und dafür die Käufer dort bedienen, wo sie wirklich unterwegs sind. In Tirana, Durrës und im Norden hat das gut geklappt. Für den Süden – insbesondere die Küste, wo alle hin wollen – sind die Tipps dann eher etwas spärlich. Mit ein paar Änderungen wäre das Buch wirklich dienlich trotz Kürze. Regionen/Kapitel mehr nach häufigen Reiserouten, der Küste etwas mehr Liebe gönnen und den Kartenmachern den Tipp von Seite 144 ans Herzen legen: »Sich bloss nicht auf Online-Karten verlassen!« (Und auch nicht auf die uralten.)


